Kindergeburtstag

Sommerkinder feiern immer zweimal Geburtstag. Einmal zu ihrem Geburtstag und noch einmal nach Ende der Ferien. Weil erst dann die Freunde aus dem Urlaub zurück sind und eingeladen werden können. Zum Kindergeburtstag.

Soweit die Theorie. Die Praxis sah so aus, dass F. erst bei seinem dritten Geburtstag so einen Kindergeburtstag feiern wollte und wir hatten und uns fest vorgenommen hatten, ihm diese Feier auch zu ermöglichen. Doch dann kam noch in den Ferien L. dazu, wir waren plötzlich zu viert und niemand dachte mehr an diesen Kindergeburtstag.

So kam es, dass wir erst nach vier Jahren Elternschaft zum ersten Mal zum Kindergeburtstag geladen hatte.


Wir hatten uns entsprechen belesen und auch schon ein paar dieser Events am Rande miterlebt. Nur beim Bringen und beim Abholen – und das kam uns immer sehr entspannt vor. Was sollte also schief gehen?

Ich mache mich also irgendwann auf den Weg, die obligatorische Schatzsuche vorzubereiten. Als ich zurückkomme, treffe ich schon ein paar Mamas vor unserem Garten, die ihre Kids schon abgegeben hatten. Sie wünschen mir starke Nerven und ich denke noch so. “Warum das denn?”

Drinnen geht es schon hoch her: Wie es guter Brauch ist, durfte F. zu seinem vierten Geburtstag vier Kinder einladen. Jetzt sind insgesamt acht da. Neben den vier Eingeladenen ein weiteres gleichaltriges Kind, denn mit dem Zählen klappt es noch nicht so. Dann ein Geschwisterkind eines Gastes, die eigene Schwester und das Geburtstagskind selbst natürlich. Ein ganz schönes Gewusel. Also schnell den Kuchen auf den Tisch und Kakao und Saft in die Becher – und schon ist Ruhe.

Smartiesfischkuchen

Etwa fünf Minuten lang. Dann sind die Becher leer und die Smarties vom Kuchen gepult. “Noch mal Kakao?” – “Ach, jetzt Saft, na klar.” – Magst du den Kuchen nicht?“ – ”Ok, die Smarties reichen dir.“ – ”Alle satt? Dann anziehen zur Schatzsuche."

Nur 10 Minuten später hat jedes Kind zwei Schuhe – die meisten sogar zwei zusammengehörende – und eine Jacke an, die ganze Bande steht ungeduldig am Gartentor und ich befürchte, dass sie gleich durchgehen wie eine Herde Wildpferde. So stürmen sie auch los, als ich das Tor endlich öffne. Zum ersten Hinweis, denn sie schon von weitem entdeckt hatten. F. reißt den Zettel an sich und liest ihn vor wie ein mittelalterlicher Herold. Obwohl es da gar nichts zu lesen gibt und er kann das ja auch noch nicht kann. Seine Volksrede hatte dann auch mit der Zeichnung vor ihm genau nichts zu tun. Die anderen Kinder können bestenfalls einen kurzen Blick darauf erhaschen und trotzdem ist das Rätsel schnell gelöst. Und weiter zu den Stationen 2, 3 und 4 und schließlich zur Schatztruhe. Alles im Laufschritt und unter viel Gekreische. Ich habe Mühe, mit dem Kinderwagen hinterher zu kommen und die aufgeregte Meute wenigstens vor Straßenquerungen ein wenig zu bändigen. Zwischendurch kommt Sturm auf und es beginnt zu regnen, ein Kind setzt sich in eine Pfütze, ein anderes friert. Ein Rätsel können sie auch mit den offensichtlichsten Hinweisen nicht lösen und um die Schatztruhe gibt es Streit, aber nur ganz kurz. Vor allem aber haben sie eine RIesespaß.
Nach einer halben Stunden sind wir wieder zu Hause und teilen die Beute auf. Nach nur einer halben Stunde, wir hatten dafür etwa die doppelte Zeit eingeplant.

Darum heißt es nun: improvisieren! Zumal es jetzt richtig zu regnen anfängt und der Rest der Party drinnen stattfinden muss.
Also Spiele: Eierlaufen, Luftballontanz, Reise nach Jerusalem. F. mag die Spiele nicht. Es ist ihm zu laut, zu wuselig und dann nehmen sich die Gäste auch noch ungefragt seine Spielsachen. Als die Herzdame bei Reise nach Jerusalem nicht verlieren will und dabei einer seiner Kindergartenstühle zu Bruch geht, kann er die Tränen nicht mehr anhalten und die Sirene geht an. Normalerweise habe ich keine großen Problem, ihn in solchen Situationen zu beruhigen, aber unter den kritischen Blicken der anderen Kinder ist das doch eher ungewohnt. Gelingt aber trotzdem.

Also erstmal keine Gruppenspiele etwas Ruhiges: Malen. Und zwar die Beutebeute, in denen die Gewinne nach Hause getragen werden.
Einen Stoffbeutel bemalen kann sehr verschieden lange dauern, wie wir bald wissen. Einige nehmen sich richtig viel Zeit. Andere machen ein paar Kleckse, rufen eifrig: “fertig!” und suche sich eine andere Beschäftigung. Diesmal hat F. nichts dagegen, dass seine Spielsachen in Beschlag genommen werden und so nehmen die Schnellmaler das ferngesteuerte Auto in Betrieb. Ich organisiere schnell ein strenge Reihenfolge- und Warte-Regime und alle sind erstmal zufrieden. Später wollen einige von mir durch die Luft geschleudert werden und ich ordne die Kinder gedanklich aufsteigend nach Körpergewicht. Dann spielen nochmal den unangefochtenen Kindergeburtstagsklassiker: Topfschlagen – die Aussicht auf Gewinne ist dabei keine schlechte Motivation.

Gegen sechs werden die ersten Kinder abgeholt, wollen aber nicht gehen. Gleichzeitig wird das Baby müde und muss gefüttert werden. Mitten in diesen Trubel isst sie seelenruhig ihr Abendbrot. Dann gehe ich mit ihr hoch und bringe sie ins Bett, während unten die Party noch ein wenig weitergeht.

Als sie schläft, sind dann auch alle Gäste weg. F. darf ausnahmsweise sein Abendbrot beim Sandmännchen essen. Wenig später schläft auch er ein – zufrieden und glücklich. Trotz kleinerer Querelen und Tränen zwischendurch hat ihm der Nachmittag Spaß gemacht.


Die Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld, aber wir haben keine Lust mehr, das an diesem Abend aufzuräumen. Unsere Ohren klingeln noch ein wenig, wir sind aber froh, dass es den Kinder anscheinend gefallen hat. Gute Nerven – die haben allerdings tatsächlich gebraucht.

Aber wenn mal wieder jemand mit dem Spruch

Das ist doch hier kein Kindergeburtstag!

so tut, als wäre das eine Kleinigkeit, werde ich nur wissend lächeln.

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