Fahrradfahren lernen – mit und ohne Drama

Was das Radfahren angeht war ich ein extremer Spätzünder. Bis weit in die Grundschulzeit konnte ich es einfach nicht. Während alle meine Freunde mit Fahrräder durch die Gegend fuhren, war ich immer noch zu Fuß unterwegs.

Eigentlich war das auch kein großes Problem: Meine Freunde waren eben echte Freunde und hatten irgendwie akzeptiert, dass ich nicht Radfahren konnte. Sie machten kein großes Thema daraus.
Unser Bewegungsradius war relativ groß (für heutige Verhältnisse geradezu riesig). Nach der Schule oder an den Wochenenden bewegten wir uns regelmäßig in einem Radius von etwa 5 km um unseren Wohnort – natürlich ohne Erwachsene. Da kamen schon mal ordentliche Strecken zusammen, die meine Freunde auf Fahrrädern zurücklegten und die ich lief oder rannte. Natürlich war ich langsamer, aber nicht zu sehr und bergauf gleich gar nicht. Ich hatte mich also ganz gut damit arrangiert, nicht Radfahren zu können.

Wir waren wieder einmal ins über-über-nächste Dorf im Flusstal gefahren. Also: die anderen waren gefahren, ich war die knapp 4 km gelaufen. Wahrscheinlich versuchten wir wieder einmal in das leerstehenden Mühlengebäude am Flussufer einzudringen oder wir spielten auf den Wiesen Räuber und Gendarm. Wobei niemand so recht wusste, was genau eigentlich ein “Gendarm” ist, denn unser Gendarm hieß ABV. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls tauchte plötzlich ein großer, aggressiver Hund auf, ganz offensichtlich mit bösen Absichten. Nun hieß es “Rette sich wer kann!” und die ach so rücksichtsvollen Freunde waren flugs auf ihren Räder und weg. So schnell hatte ich sie noch nie radeln sehen. Das Vieh wetzte ihnen nach und ich blieb allein auf der Wiese zurück und überlegte, was nun zu tun sei.

Ich überlegte nicht sehr lange, denn als der Köter merkte, dass er die Radfahrer nicht einholen konnte, besann er sich eines Besseren. Dieser Bessere war leider ich. Da stand ich nun – Aug in Auge mit der Bestie!

Gerne würde ich jetzt von meinem heldenhaften Kampf mit dem Untier berichten. Wie das Vieh knurrend auf mich zu stürmte und mich geifernd ansprang. Wie ich ihn – die gefletschten Zähne nur noch wenige Zentimeter von meinem Hals entfernt – mit dem Knüppel, den ich von Räuber und Gendarm-Spiel noch in der Hand hatte, gerade noch hatte abwehren konnte. Wie ich ihm noch im Flug einen ersten harten Schlag versetzen konnte. Wie er mich nochmal von der Seite ansprang, tatsächlich meinen Arm erwischte und mir eine böse Fleischwunde beibrachte. Wie ich nun blutend erst richtig wütend wurde und ihn mit gezielten Schlägen schließlich in die Flucht schlagen konnte. Wie meine Wunde in der Notaufnahme genäht wurde und wie die Zeitung kam und ein Foto von mir und meinen Knüppel machte. Den Zeitungsartikel gäbe es leider nicht online, aber einen Scan davon würde ich an dieser Stelle einbinden.

Aber nichts dergleichen war passiert. Ich hatte einfach eine Riesenangst, nahm die Beine in die Hand und flüchtete mich auf den nächsten Baum. Da war ich erst einmal sicher.
Leider war dieser Hund nicht nur bösartig, sondern auch schlau und blieb einfach unter dem Baum sitzen. Eine klassische Pattsituation, die mir Zeit gab über ein paar Dinge nachzudenken. Zum Beispiel darüber, wie lange es eigentlich dauert, bis ein Mensch von Hunger und Durst so erschöpft ist, dass er einfach vom Baum fällt. Oder darüber, was für Freunde ich da eigentlich hatte, die sich einfach aus dem Staub machten und mich im Stich ließen. Vor allem aber darüber, warum ich eigentlich nicht Fahrradfahren konnte, wo alle anderen es doch schon lange konnten.

Irgendwann kam der Vater eines Freundes zusammen mit zwei Sowjetsoldaten. Nach ihrer heillosen Flucht hatten meine Begleiter zumindest das Eines richtig gemacht und ihm von dem Drama erzählt. Er hatte gleich vermutet, dass es ein Russenhund sein muss, der mich da in Schach hält. Die Soldaten auf dem Übungsgelände im Wald neben unserem Heimatdorf hielten sich solche Hunde, das war bekannt. Und diese Russenhunde hatten mit gutem Grund einen üblen Ruf bei der einheimischen Bevölkerung.
An diesem Tag war wieder einmal eine Kolonne Soldaten zur nahegelegenen Bahnstation marschiert. Dort konnten die Besitzer schnell ausfindig gemacht werden. Die warteten noch immer auf den Abtransport und hatten schon bemerkt, das der Hund fehlte. Was noch lange kein Anlass war, nach ihm zu suchen. Schließlich hätte man es ihnen als Desertation auslegen können, wenn sie den Zug verpasst hätten. Durch die Aussicht auf je eine Flaschen Wodka waren sie dann aber doch bereit, ihn einzufangen.

Am folgenden Wochenende ging ich die Sache mit dem Fahrrad nochmal an. Ich nahm es mit zum obligatorischen Familienspaziergang in den Wald und bat meine Eltern, es bei meinen Fahrversuchen noch festzuhalten. Was sie auch taten. Zunächst. Später taten sie nur noch als ob. Aber es klappte immer besser. Einmal rauschte ich noch in die Brombeerbüsche und zog mir fast so schlimme Verletzungen zu wie bei meinem imaginären Kampf mit dem Mörderhund. Dann konnte ich Fahrradfahren. Endlich.


Zu seinem vierten Geburtstag bekam F. endlich sein lange gewünschtes erstes Fahrrad. Wenige Tage später drehte er die ersten Runden über den Schulhof und rief “Ich kann es!”. Jetzt, drei Wochen später, machen wir schon richtige kleine Radtouren.

Ich bin sehr, sehr froh, dass er das so schnell gelernt hat. Dem Laufrad sei Dank.

Kommentar verfassen