Mampels Moin

Auf dem Weg zum Schulbus kamen uns oft die Arbeiter des Stahlwerks entgegen. Die kamen da gerade vom Schichtbus, der sie von der Nachtschicht heimbrachte. Nun waren wir gut erzogene Kinder und grüßten mit einem frundlichen und einigermaßen hochdeutschem “Guten Morgen”. Gehört sich so, wir sind hier schließlich aufm Dorf.

Die uns da entgegenkamen, zum Teil die eigenen Väter, erwiderten den Gruß stets deutlich mürrischer und vor allem mit viel mehr Dialekt. Aus dem “Guten Morgen” wurde da auf jeden Fall ein schlichtes “Morgen”, oft nur ein dahingenuscheltes “’Mo’rn”.

Einer davon, den sie Mampel nannten (und was es damit auf sich hat, ist nochmal eine eigene Geschichte), schmetterte uns aber jeden Morgen ein lautstarkes “Moin” entgegen. Nun spielt diese Geschichte mitnichten in Norddeutschland, wo “Moin”, oft gedoppelt “Moin, Moin”, der freundlich-distanzierte Universalgruß zu jeder Tages- und Nachtzeit ist. Nein, wir befinden uns in dem, was heute der Süden von Sachsen-Anhalt ist. Dieses “Moin” hatte darum einen deutlichen Einschlag des Mischmaschs aus Sächsisch und Thüringisch, der in dieser Gegend gesprochen wird. Die Aussprache wird dabei ordentlich in die Breite gezogen. Der aufmerksame Zuhörer wird vielleicht sogar noch ein “e” im Abgang entdecken “Moi-en”, das freilich im allgemeinen Brei des Dialekts ziemlich untergebuttert wird. Das ganze klingt dann vielleicht authentisch, aber ganz bestimmt nicht mehr freundlich.

Nun flog uns dieses “Moin” allmorgendlich mit einer derartigen Vehemenz entgegen, dass zumindest ich zu dem Schluss kam, dass müsste so. Und ich versuchte mich anzupassen. Nur leider ist es völlig unmöglich einem schüchternen, wohlerzogenem Kindermund ein solch dahingerutztes, breiiges “Moin” zu entlocken.

Mampel bekam meine untaugliche. Versuche, ihn nachzuahmen schnell mit und machte sich einen Spaß daraus, mich weiter zu verunsichern. Er ließ mich ein paar Tage “üben”, dann antwortete er plötzlich und völlig unerwartet mit einem freundlich und sogar einigermaßen hochdeutschem “Guten Morgen” – in einem belehrenden Tonfall, der keinen Zweifel ließ, dass er nun beibringen wollte, wie man richtig zu Grüßen hat. Also grüßte ich beim nächsten Mal wieder mit meinem freundlichen “Guten Morgen”, noch etwas kleinlauter als zuvor. Worauf mir das altbekannte “Moin” breiter denn je entgegenkam.

So ging das eine Weile hin und her, bis ich keine Lust mehr auf dieses Spielchen hatte. Ich ging zunächst die Möglichkeiten durch, die morgendliche Begegnung mit Mampel zu vermeiden.
1. Ich könnte einfach zu Hause bleiben. Wenn ich nicht zur Schule gehe würde, würde ich Mampel auch keinen guten Morgen wünschen müssen. Allerdings hatte ich so eine diffuse Ahnung, dass meine Eltern das nicht so gut finden würden.
2. Ich könnten einen anderen Weg zur Bushaltestelle nehmen. Der wäre aber länger, also müsste ich früher los und dafür auch früher aufstehen. Außerdem führte dieser Weg ein Stück durch den Wald und früh war es ja noch dunkel. Nein, danke.
3. Ich könnte das Stahlwerk sprengen. Dann müsste Mampel zu Hause bleiben und ich hätte meine Ruhe. An Sprengstoff zu kommen hielt ich für ein lösbares Problem, schließlich hatten wir die Russen. Dann fiel mir aber wieder ein, dass ja auch mein Vater in diesem Stahlwerk arbeitete. der wäre dann ja auch den ganzen Tag zu Hause und mit meiner Ruhe wäre es nicht weit her.

Also blieb mir nicht übrig, als von nun an mit gesenkt Blick grußlos am Mampel vorbei zu gehen. Worauf der sich alsbald bei meinen Eltern beschwerte, was für ein ungezogenes Kind ich denn sei, ob ich denn nicht mal grüßen könne.

Ein Kommentar zu “Mampels Moin

  1. 4. Ein demütig hingehauchtes „Namaste“ in süd-sachsen-anhaltinischem Tonfall mit entsprechend zusammengefalteten Händen müsste Mampel sprachlos gemacht haben. Für ein Schulkind allerdings ein eher schweres Konstrukt.

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