Super! Markt.

Der Abstand zwischen zwei Lebensmittelskandalen wird immer kürzer. Während immer noch schlechte Witze über Pferde im Essen gerissen werden, ist nun irgendwas mit Bioeiern, die gar nicht so Bio sind. Große Überraschung: ein relativ homogenes Produkt, das sich deutlich teurer verkauft, wenn so ein Bio-Siegel auf der Packung klebt. Ja, dann kleben wir halt eines drauf.

Offenbar wegen dieser Berichte gab Frau Schmecker vor kurzem über Twitter bekannt, wo man in Tübingen „echte“ Bioeier kaufen kann:

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Zugegegeben etwa polemisch gab ich – durchaus mit Bedauern – zu bedenken, dass das doch ein klein wenig unpraktisch sei:

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Es entspann sich ein kurze Diskussion, die vorerst mit Frau Schmecker Meinung endete:

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Um ehrlich zu sein, das denke ich nicht. Tante-Emma-Läden mögen ein romantisches Ideal der Grün-Alternaiven sein, vieleicht beugen sie tatsächlich auch Betrug vor, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall sind sie kein Fortschritt, denn sie funktionieren nur einer Gesellschaft, die es immer weniger gibt und die ich mir auch nicht zurück wünsche. Eine Gesellschaft, in der es erforderlich ist, das jemand sich ganz- oder wenigstens halbtags um den den Haushalt kümmert. 

Man könnte die steile These aufstellen: Tante-Emma-Läden seien antiemanzipatorisch.

Aber ich will mal gar nicht mit solchen Kampfbegriffen hantieren, sondern lieber ein wenig unsere Realität beschreiben: 

Zeit ist bei uns also ein recht knappes gut, vor allem Zeit, die wir tatsächlich als Familie verbringen können. Zu dritt, mit Dingen, die uns Spaß machen. 

Nun gibt es ja Menschen, die das Einkaufen von Lebensmitten (und anderen Sachen des täglichen Bedarfs) und kochen durchaus unter diese Kategorie einordnen würden. Bei uns ist das eher eingeschränkt der Fall. Kochen geht ja sogar noch als Hobby durch, aber Einkaufen ist eher so ein notwendiges Übel. Das heißt für uns: es sollte möglichst wenig Zeit kosten.

Das lässt sich ja machen: einmal die Woche setzen wir uns in das (aus vielen Gründen ohnehin vorhandene) Auto und fahren in einen der großen Supermärkte. Dort sind wir dann in einer guten Stunde durch und haben alles was wir die Woche über brauchen, inklusive Zutaten für vier selbstgekochte Mittagessen. Nur vier, denn an drei Tagen bekommt Junior sein Essen in der Kita und die Herzdame und ich essen in der Kantine. Unter der Woche müssen wir dann nur noch ab zu zum Bäcker und falls doch mal etwas fehlt, bekommen wir das im Dorfladen oder wir schieben noch eine kurzen Ergänzungseinkauf ein. Alles in allem investieren wir dafür pro Woche maximal 2 bis 3 Stunden, inklusive Wege.

Das war nicht immer so. Während ich allein in der Altstadt gewohnt habe, hatte ich kein Auto zur Verfügung und zu 95% auch nicht gebraucht. Ich fast täglich auf dem Heimweg von der Arbeit in den kleinen EDEKA-Supermarkt, der ca. 150 m von meiner Wohnung entfernt lag. Ich mochte diesen Markt, den er ist hell und ansprechend eingerichtet, sauber, das Personal ist freundlich und das Sortiment lässt kaum Wünsche offen, jedenfalls bei Lebensmitten. Bei  Drogerieartikeln und Schreibwaren sah es leider anders aus, die gab es dort so gut wir gar nicht. Im selben Haus – einem kleinen Shoppingcenter – waren auch ein Drogeriemarkt und ein Schreibwarenladen untergebracht. Eigentlich also kein Problem. Mich hat es aber jedesmal genervt, wenn ich wegen einer Dose Rasiercreme oder einer Rolle Tesaband noch mal in einen anderen Laden und mich noch mal an einer Kasse anstellen musste. 

Alles in allem finde ich es also durchaus gerechtfertigt, dass Supermärkte sich als solche bezeichnen. Alle Waren des täglichen Bedarfs unter einem Dach, hinter einer Kasse. Das finde ich tatsächlich „super“. Jedenfalls passt es perfekt zu unserem oben beschriebenen Leben. Dem Erfolg nach zu urteilen, auch zu dem vieler anderer Menschen.

Nun ist es nicht so, dass die Probleme der Lebensmittelindustrie und der modernen Landwirtschaft mir nicht bewusst wären. Auch, dass die „billig, billig, billig“-Mentalität ein Teil des Problems ist und dass bestimmte Supermarktketten diese bereitwillig bedienen oder gar schüren. 

Mir geht es beim Einkauf im Supermarkt nicht um Geld, sondern um Zeit. Darum wird man mich so gut wie nie in einem Discounter treffen. Dort sind die Preise zwar zum Teil noch ein wenig niedriger, ich habe aber nicht das Gefühl, dass dort alles notwendige bekommt.

Wünschenswert wäre es aus meiner Sicht, gute Lebensmittel zu bekommen, ohne sein halbes Leben mit einkaufen zu verbringen. Es kann doch nicht die Lösung sein, sich in kleinen Bioläden oder gar direkt beim Bauern zu versorgen. 

Nicht, solange diese Läden kein Vollsortiment anbieten – Lebensmittel, Drogerie, Schreibwaren, vielleicht auch ein bisschen Kleidung, Spielwaren, Fahrradkram etc., so wie mein Stamm-Supermarkt.

Nicht, solange diese Läden Öffnungszeiten haben, die mich zwingen gezielt früher Feierabend zu machen, wenn ich dort noch einkaufen möchte. Nicht nur einmal stand ich bei unserem Dorfladen vor verschlossener Tür. Mein Stammsupermarkt hat Mo – Sa bis 22:00 Uhr offen. So muss das.

Nicht solange ich dort mit diesem pseudoreligiösen Demeter-Schwachsinn belästigt werde.

Nun dürfen Supermärkte mir gerne qualitativ gute Lebensmittel anbieten. Gerne auch ausschließlich. Von mir aus auch Bio (wobei aus meiner Sicht da kein zwangsläufiger  Zusammenhang zur Qualität besteht). Für gute Qualität bin ich auch bereit, angemessen mehr zu bezahlen. Nur sollte es keine Abhocke nur auch Grund von schönen Labels und Siegeln sein.

Nicht bereit in ich dagegen, mein Zeitbudget fürs Einkaufen zu erhöhen. Etwa durch mehrere Läden zu tingeln, um alles Notwendige zu bekommen. Oder gar auf entlegene Dörfer zu fahren, um dort direkt beim Bauern einzukaufen. 

Natürlich sind kleine Tante-Emma-Läden etwas tolles.
Natürlich sind die Genossenschaftläden auf den Dörfern eine gute und wichtige Sache, um wenigstens ein bisschen Nahversorgung aufrecht zu erhalten.
Natürlich fühlt es sich gut an, seine Lebensmittel direkt beim (Bio-)Bauern zu kaufen.

Massenkompatibel ist das alles nicht. Es taugt nicht für Menschen mit knappen Zeitbudget. Es taugt nicht für Menschen mit schmalem Geldbeutel. Und darum glaube ich nicht, dass damit die Probleme der moderne Lebensmittelproduktion gelöst werden können.

7 Kommentare zu “Super! Markt.

  1. Ich sehe das auch so, die Konsequenz aus Etikettenschwindel kann nicht sein das man nur noch in Tante Emma Läden einkauft. Wo „Bio“ draufsteht muss auch Bio drin sein, das ist für mich ganz einfach. Wenn Siegel gefälscht werden muss man das sanktionieren und die Kontrollen verschärfen, egal ob es um Bio, Energieeffizienzklassen oder Umweltplaketten geht.

    Zumal der „Bauer von nebenan“ oft genug gar nicht auf biologische Landwirtschaft setzt, selbst wenn man ihn gut erreichen würde.

  2. Natürlich muss die Konsequenz aus diesen Etikettenschwindel
    sein, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und
    der Verbraucher sich drauf verlassen kann, dass draufsteht, was
    drin ist. Überall und bei allem. Logo. Ich halte aber ein anderes
    Einkaufsverhalten auch nicht für antiemanzpiert, es kommt eben
    drauf an, wie man seine Prioritäten setzt. Ich bin genauso Vollzeit
    berufstätig, wenn auch zugegeben durch die Selbständigkeit mit
    etwas mehr Freiheiten als ein Angestellter. Früher habe ich auch
    einmal in der Woche groß eingekauft, weil ich gedacht habe, es
    spare Zeit und Geld. Das hat sich aber beides als Trugschluß
    herausgestellt. Jetzt teile ich mir meine Zeit so ein, dass ich
    z.B. auf dem Markt einkaufen kann oder in den Pausen schnell hier
    in den kleinen Bio-Laden gegenüber husche. Ich brauche unwesentlich
    mehr Geld, werfe weniger weg und unterstütze 5 fairbezahlte
    Arbeitsplätze. Zudem weiß ich genau, woher z.B. das Fleisch und die
    Eier kommen. Und im Sommer kommt das Gemüse direkt vom Feld in den
    Laden. Ich finde, wir lassen uns gerne von irgendwelchen
    vermeintlichen „Zwängen“ leiten, und vergessen dabei, dass wir
    selber die Urheber dieser Zwänge sind. Es ist nicht nur die
    Qualität der Lebensmittel, die wir durch unser Kaufverhalten
    beeinflussen können, sondern es ist auch der Handel. Wollen wir
    immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse, wollen wir, dass immer
    billiger produziert wird, aber wenige Giganten durch Konzentration
    und Marktberherrschung immer reicher werden? Es sind doch unter den
    Milliardären in Deutschland interessanterweise 3
    Lebensmitteldiscount-Gründer – mir gibt das zu denken. In
    Deutschland werden ca 10% des Einkommens für Lebensmittel
    aufgewendet, sowenig wie in keinem anderen europäischen Land. Dafür
    haben wir aber mittlerweile die meisten Mini- und Teilzeitjobs und
    HartzIV-Aufstocker, die auch zu einem großen Teil aus dem
    Einzelhandel kommen. Es hängt eben alles mit allem
    zusammen.

  3. Eine Teillösung ist die Biokiste.
    Wird ans Haus gebracht, enthält Saisongemüse, ab und zu neue
    Rezepte und auch mal Gemüse, das man vorher noch gar nicht kannte.
    Ist man weniger versuchsfreudig, kann man das auch jedes Rübchen im
    Detail bestellen. Zusätzlich kommen zu uns jeden Samstag die Milchmanns und
    bringen Milch, Quark, Eier, Joghurt an die Tür. Kurz: Da fährt nur
    ein Auto durch die Gegend. Und ein nicht geringer Teil der
    benötigten Lebensmittel steht pünktlich vor der Tür. Den Rest holen
    wir vom REWE ums Eck, notfalls auch bis 22 Uhr. Tante Emma gibt’s
    bei uns nicht mehr.

  4. Es ist natürlich ein nettes Bild, wenn alle Ökos mit dem Auto aufs Dorf fahren, um Eier zu kaufen. Alle wollen zurück zur Natur, nur keiner zu Fuß.

    Und natürlich gibt es in Tübingen schon Lösungen: Sie heißen Marktladen oder Alnatura, sind mit saftigen Preisen und Demeter-Anwandlungen verbunden. Und genau das ist der Punkt, wie die Kampfökos mit ihrer „Macht des Verbrauchers“ leider voll auf Grund laufen: Diese Macht muss man sich leisten können. Bei meinem halben Doktorandengehalt könnte ich das vielleicht sogar, wären da nicht die Tübinger Mietpreise. Also eben Discounter. Und der Discounter hat sogar einen unschlagbaren Vorteil für mich als Musiker: Ich muss keine schlechte Musik beim Einkaufen hören, denn da läuft keine.

    Die Alternative für alternativ Angehauchte: Selbermachen. Das ist das Nonplusultra. Der Mythos Selbstversorger ist nicht tot zu kriegen. Es ist beknackt. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und ich hab gesehen, warum die Landwirte auf den großen Höfen alle eine Diplom-Urkunde an der Wand hängen hatten… und leider hab ich was anderes studiert, also mach ich das was ich kann. Alles selber machen ist was für Leute, die Geld und Zeit übrig haben und nicht rechnen können. (Was eben nicht heißt, dass man nichts selber machen sollte, aber man muss sich wirklich öfter mal überlegen, ob andere das nicht schneller und besser können, während man selbst die Kröten mit was verdient, das man schneller und besser als die anderen kann.)

  5. Ein Beitrag, dem ich leider in weiten Teilen zustimmen muss. Auch wenn ich es mir anders wünschte.

    Ich hasse Supermärkte – je größer desto schlimmer. Hier hat niemand mehr Bezug zu gar nichts, weder zur Ware noch zu den Menschen. Alles ist austauschbar und beliebig. Aber da es eben die (zeit-) ökonomischste Form ist, sich mit den Gütern des täglichen Bedarfs zu versorgen, haben sich diese Läden eben durchgesetzt.

    In meiner Studienzeit bin ich ab und zu mit dem Rad nach Weilheim gefahren – um eine Flasche Milch zu holen. Heute kann ich mir so etwas (leider!) nicht mehr vorstellen, aber damals habe ich es sehr genossen – Lebensqualität heißt das dann wohl. Deswegen würde ich nicht behaupten, dass kleine Läden ein Rückschritt sind. Sie können den Menschen etwas geben, was sie haben möchten – und sei es nur ein glückliches Ei und ein gutes Gefühl dazu. Obwohl ich selten in kleinen Geschäften einkaufe, bin ich doch froh, dass es sie gibt. Für die, die es sich vom Zeitbudget her leisten können.

    Zu den romantischen Idealen der Grün-Alternativen und dem „Demeter-Schwachsinn“:
    Unsere Gesellschaft ist zum Glück durchsetzt von Irrationalitäten. Für manche ist das Auto Ersatzreligion, für andere der eigene Körper oder einfach nur Geld. Sinnlose Handlungen begleiten uns durchs Leben, sei es das Gärtnern vor dem Haus, mit dem Rad durch den Schönbuch wetzen oder ein Tageslohn im Restaurant liegen zu lassen. Das ist alles Schwachsinn, aber es macht des Leben erst lebenswert. Jeder kann sich auf dem Jahrmarkt der Dummheiten etwas aussuchen :o) Und jeder macht das – auf die eine oder andere Weise. Und wer sich glücklich damit fühlt, Gemüse zu essen, das auf in der Acht gerührten Kuhscheiße gewachsen ist – so what?

    Ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass sich unser aller Einkaufsverhalten auch für einfache Dinge verändern wird. Amazon mal als Stichwort. Irgendwer wird da eine gute Lösung für Lebensmittel finden und anbieten. Dann schaunwermal, wie es mit dem Einkaufen so weitergeht.

  6. „In meiner Studienzeit bin ich ab und zu mit dem Rad nach Weilheim gefahren“

    Etwa Weilheim in Oberbayern? Das wäre ja ein Ding da bin ich nämlich aufgewachsen und habe auch beim benachbarten Bauern Milch gekauft.

    Später allerdings nicht mehr, da er aus reiner Faulheit die Kühe ganzjährig im Stall gelassen hat. Das war aber noch lange bevor es irgendwelche Bio Siegel gab.

  7. @ Uli
    nein, bedaure. Weilheim bei Tübingen.
    Der Bauer dort hatte seinen Milch-Edelstahl-Tank offen zugänglich. Man konnte sich selbst zapfen und das Geld in eine Kasse werfen.

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