Paywall und Selbstüberschätzung beim Schwäbischen Tagblatt

Nun hatte ich mich gerade ein wenig meine Vorbehalte gegenüber der hiesigen Lokalzeitung, dem Schwäbischen Tagblatt abgelegt. Habe darüber hinweg gesehen, dass Links meist nicht verlinkt waren (ab und zu habe @tagblatt darauf angesprochen, dann wurde der Link nachträglich ergänzt). Habe die nervige blinki-bunti-Werbung hingenommen (irgendwie müssen die ja auch Geld verdienen). Habe die vielen kleinen Fehler in den Artikeln akzeptiert (bei den Themen, die mich interessierten, hatte ich meist genug Hintergrundinfo, um die Fehler als solche zu erkennen). Davon abgesehen bot die Webseite des Tagblatts tatsächlich einen ganz guten ersten Überblick über das Geschehen in Tübingen und der Region. Ich habe sie zuletzt gerne und regelmäßig besucht und hin und wieder auch hier verlinkt.

Ich schreibe das bewusst in der Vergangenheit, denn seit heute hat sich die Tagblatt-Webseite (teilweise) hinter einer Paywall verschanzt. Der Rechtfertigungskommentar zeugt nicht nur von einer maßlosen Selbstüberschätzung der eigenen Bedeutung und Qualität, sondern auch von einem grundlegenden Unverständnis, wie das Internet funktioniert. Beispiele gefällig? Bitte:

Überschätzung der eigenen Bedeutung:

„Ohne TAGBLATT – gedruckt oder elektronisch – ist man in der Region nicht richtig auf dem Laufenden, kann nicht so gut kundig mitreden und findet sich im Alltag schwerer zurecht.“

Da träumt sich wohl jemand ein Monopol herbei, so nicht (mehr) gibt. Privat hatte ich in 5 Jahren genau einmal das Bedürfnis, ein gedrucktes Tagblatt zu kaufen. Jenes, in dem die Geburtsmitteilung meines Sohnes erschien. Im Übrigen bin ich so vernetzt, dass Nachrichten, die mich interessieren, schon irgendwie den Weg zu mir finden. Und meinen Alltag meistere ich bisher ganz passabel.

Überschätzung der eigenen Qualität:

Auf die selbst gestellte Frage, warum man für Tagblatt-Artikel zahlen soll, gibt es eine einfache Antwort:

„Weil wir gedruckt wie elektronisch von Profis geprüfte Informationen bieten.“

Diesen Satz lese ich an einem Tag, an dem mir Gemeinderäte im persönlichen Gespräch erklären, dass der (gepaywallte) Artikel zu den Haushaltsbeschlüssen Fehler enthält, weil „die Zeitung es mal wieder nicht verstanden habe“.

Ich lese diesen Satz, nachdem in mehreren Artikeln zu den anstehenden Baumaßnahmen die Baubeginne von Schloßbergtunnel und Poststraße schlicht verwechselt wurden.

Diesen Satz lese ich in einem Artikel, in dem auch beklagt wird, dass Informationen im Internet oft PR-durchsetzt seinen. (q.e.d.)

Internet nicht verstanden, weil an keiner Stelle darauf eingegangen wird, ob, wie unter welchen Bedingungen man noch auf die Paywall-Artikel verlinken kann. Ohne die Möglichkeit der Verlinkung kann keine Diskussion in Gang kommen. Etwas, wofür man sich gerade noch selbst gerühmt hatte.

Kurz gesagt: Was hinter Paywall liegt, was nicht verlinkbar ist, ist uninteressant – weil man darüber nicht fundiert diskutieren kann.

Über die Implementierung der Bezahlfunktion möchte lieber gar nicht nachdenken. Ich werde jedenfalls nicht irgend einer obskuren Firma vorab Geld überweisen. Und schon gar nicht werde ich dafür meine Mobilnummer an einen Verlag herausgeben – wo doch bekannt ist, dass gerade Zeitungsverlage tief im Adresshandelssumpf stecken.

Ich werde nun die Seite noch etwa beobachten. Noch sind nicht allzu viele Artikel gepaywallt. Allerdings kommt erschwerend hinzu, dass diese nicht gekennzeichnet sind. Man muss erst einmal auf den Anriss klicken um dann zu erfahren, dass man den Artikel nicht lesen kann. Das nervt ungemein und könnte in kürzester Zeit dazu führen, dass ich die Seite komplett meide. Was schade wäre.

Nun ist es nicht so, dass ich nicht ein Stück weit zahlungsbereit wäre. Nur eben nicht so. Nicht für eine zeitlich befristete Nutzungslizenz. Nicht, wenn keine Links möglich sind. Nicht mit so einem obskuren Zahlungsverfahren.

Ich wollte heute sogar mal prüfen, was denn das ebenfalls angebotene E-Paper-Abo kostet. Aber der Link dorthin war kaputt. So drängend scheint das mit dem Geld verdienen also auch nicht zu sein.

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6 Kommentare zu “Paywall und Selbstüberschätzung beim Schwäbischen Tagblatt

  1. Das mit dem Verlinken hat ja seit kurzem noch einen zweiten Pferdefuß: Wie kurz ist eigentlich ein Snippet? Das Tagblatt setzt sich – im Gegensatz zum Heise-Verlag etwa – für das Leistungsschutzrecht ein und ist damit nicht mehr verlinkbar.

  2. Das Tagblatt hatte mich noch am Montag zum ersten Mal positiv überrascht. Da kam nämlich eine kleine Meldung (Bericht wäre zu viel gesagt) über ein Konzert von meiner Band, die richtig gut geschrieben war. Es war auch nur ein falsches Faktum reingerutscht.

    Da ich schon öfter in diesem Blättle irgendwie „Gegenstand der Berichterstattung“ war, muss ich leider sagen: Der Schnitt liegt bei drei Falschinformationen pro Bericht. Bis hin zu komplett falschen Namen der Beteiligten oder im Fall meiner Band die völlig falsche und äußerst danebenen Behauptung, die Nationalhymne gespielt zu haben.

    Jetzt scheint das Tagblatt weiter in die Abwärtsspirale zu rutschen: Sie zahlen ja jetzt schon so schlecht, dass sie sich offenbar kaum noch gute Leute leisten können. Nun gibt es also Online noch weniger Leser. Wenn sich die Paywall nicht rechnet, geht es flugs weiter bergab. Hoffentlich haben die sich das gut überlegt.

    Was man ihnen zugute halten muss: Die Preise scheinen erstmalig vernünftig. Keine 2€ mehr für einen Artikel, oder wie in der Wissenschaft gar 30$. Die 15¢ würde ich durchaus noch ausgeben, wenn mich was interessiert.

    Nur meinen Lesern im Blog würde ich das als Link nicht mehr zumuten. Aber das könnte sich dank Leistungsschutzrecht ja sowieso erledigt haben. Wird vom Tagblatt übrigens auch unterstützt.

  3. Gerade mal rumgeklickt: Wie dieses Micropayment genau funktioniert, wird nur durch gründliches Studium der AGB ersichtlich. Es gibt keine einfache und direkte Erklärung – die wäre den das Tagblatt den Lesern durchaus schuldig. Warum man seine Handy-Nummer angeben muss, ist unklar, es gibt dafür keinen direkt ersichtlichen Grund. Da muss leider auch urteilen: Schwach!

  4. Pingback: Gsallbahdr Zwei

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