Letzte Tage im Wennfelder Garten

„Kommt jemand von Chicago?“ kann man regelmäßig im Funk des Tübinger Busverkehrs hören. Mit „Chicago“ ist der Wennfelder Garten gemeint, ein kleines Wohnviertel in der Tübinger Südstadt, dass ganz offensichtlich nicht den besten Ruf hat.

Geprägt ist die Viertel vom sozialen Wohnungsbau der 1950er Jahre. Einfachste Häuser stehen dort, eher mehrstöckige Baracken, in einer parkähnlichen Landschaft, die fast übergangslos in Wald übergeht. Hier gibt es keine Läden, keine Kitas, keine Kneipen – nur billige Wohnungen, Parkplätze und ein paar Bushaltestellen. 

Mit dem großen und ungleichen Nachbarn – dem Französischen Viertel, preisgekröntes Beispiel moderner Stadtplanung, Heimstadt der neuen grünen Bürgerlichkeit – verbindet den Wennfelder Garten nichts. Die schmale Eisenhutstraße trennt arm und reich, neu und alt, modern und morbide.

In jedes der beiden Viertel fuhr je eine Buslinie. Die letzte gemeinsam Haltestelle erschließt aber auch große Teile des Französischen Viertel, so dass dieses auch von Buslinien zum Wennfelder Garten profitiert. Das Französische Viertel entwickelt sich prächtig und die Busse wurden immer voller. So voll, dass alsbald eine Dritte Linie gebraucht wurde. In den ersten Planungen sollte diese natürlich auch im Französischen Viertel enden, dort wo die zusätzliche Fahrgäste ja her kamen. 

Als diese Pläne im „Viertel“ publik wurden, setzte ein Beschwerdewelle ein, wie ich sie selten erlebt habe. Der Herr Professor und die Frau Doktor, der Jurastudent im 2. Semester (unter Nennung einschlägiger Paragraphen) und die selbstständige Feng-shui-Beraterin, alle waren sich einig: Gute Idee mit der Besseren Anbindung. Aber für uns reicht es doch, wenn die eine Haltestelle bedient wird und die Busse dass schnellstmöglich wieder aus unserem Viertel verschwinden. Die machen ja Lärm. Und wenden können die ja auch am Wennfelder Garten.

Und so sieht seither der Liniennetzplan in diesem Bereich aus:

Bildschirmfoto 2013 01 16 um 23 00 59

Aus dem Wennfelder Garten hat sich nie jemand beschwert.

Den Wennfelder Garten, so wie er heute ist, wird es bald nicht mehr geben. Ein Großteil der Häuser wird abgerissen, das ganze Viertel neu gestaltet. Eine Sanierung wäre zu aufwändig und lohne nicht. Aus Außenstehender möchte man unwillkürlich zustimmen. Weg mit den alten, hässlichen Dingern, Platz für Neues!

Und doch ahnt man, dass die Bewohner das unter Umständen anders sehen. Wenn er auch keinen Luxus bietet und zum Teil auch keinen „Standard“ ist er vielleicht Menschen doch zur Heimat geworden.

Außerdem hört man bei solchen Plänen natürlich auch die Gentrifizierung trapsen. Wo sollen die den hin, die sich nie beschweren? In fast jedem anderen Viertel Tübingens könnten sie sich vermutlich nicht mal eine Besenkammer anmieten.

Am kommenden Sonntag, 20.01. eröffnet in der die Ausstellung „Wenn Felder und Garten“ in der Eisenhutstraße 52 – also in einem der alsbald abzureißenden Häuser.

Seit 2011 nutzt die Künstlerin Hanna Smitmans eine der leerstehenden Wohnungen als Atelier für ein Kunstprojekt und hat mit Fotos, Zeichnungen und Texten ein Portrait des Wennfelder Gartens und seiner Bewohner geschaffen hat, eine Momentaufnahme eines Viertels mit Verfallsdatum.

Neben der Ausstellung sei auch das gleichnamige Blog empfohlen, das während der zweijährigen Projektzeit entstanden ist und dieses dokumentiert.

4 Kommentare zu “Letzte Tage im Wennfelder Garten

  1. Ich kenne eine Frau, die mit ihrem Kind im Wennfelder Garten wohnt. Sie hat nicht viel Einkommen und ist froh, dort günstig wohnen zu können, sogar mit einem kleinen Stück Garten. „Neugestaltung“ ist ein schönes Wort, heißt aber auch, dass viele dort bald nicht mehr wohnen können werden. Und wenn Tübingen eines fehlt, dann ist das günstiger Wohnraum. Dass daran die Neubauten im Egeria-Areal was ändern werden, ist nicht zu vermuten. Wer glaubt schon an günstige Mieten in ökologisch-moralisch wertvollen Energieplus-Häusern?

    (Und jetzt fällt mir ein: Ich hab da noch einen Blog Post zum Thema, den ich mal rauslassen wollte. Frischanzwerg.)

  2. Das große Drama Tübingens ist das vieler „hipper“, grüner Städte. Herr Professor und Frau FengShui plakatieren zwar gerne das bedingungslose Grundeinkommen und gehen auf mulitkulturelle Abende, aber sie wohnen echt nicht gern neben armen Menschen. Und ja es ist eine Gentrifizierung. Mit Wohngeld ließ sich für viele Menschen schon lange kaum noch was in Tübingen finden und wenn dann gerne unter dem Deckmäntelchen der Wohnungsbaugenossenschaften, die die alleinerziehende Mutter und die russische Familie gerne mal als Notfall Jahre auf eine Warteliste setzten um sie dann in Wohnungen auszusetzen, mit denen sie bei dem Standard noch gut verdienten. Gutes Beispiel die Kreisbau die so schön saniert, dass die ehemaligen Bewohner sich die Wohnungen nicht mehr leisten können, nachdem sie saniert sind. Mit einzel vermieteten Zimmern an Studenten kann man ja auch mehr Geld machen. Dass der Wennfelder Garten wie auch viele Strassen auf dem Galgenberg lange überfällig saniert werden mussten war klar, dass keiner hinschrieb wir wohnen da gerne, auch klar. Dass aber Tübingen keinen Ersatz bietet und nur noch die Bedürfnisse seiner jungen Alternativbürger erfüllt oder die gesettelter Altgrüner ist einfach ätzend, schäbig und unziemliche. Aber die im Wennfelder Garten haben einen ja auch nicht gewählt, also seis drum. Schäm dich Tübingen.

  3. Darf ich noch erwähnen, dass ich mir arbeitend in Tübingen mit 2 Kindern keine Wohnung leisten konnte, hier aber ein Haus mit Garten in einem netten Wohngebiet? Ich tus einfach.

  4. Gentrifizierung ist aber oft anders: AbgePIEPte Viertel werden hip, Hipster mit Geld ziehen hin, usw. – in dem Fall ist es eine andere Art davon. Das Problem ist, wie Syd richtig schreibt: Es gibt keine „Ausgleichsfläche“ in Tübingen – die günstigen Wohnungen werden immer weniger. Wenn sie wenigstens wo anders wieder auftauchen würden!

    Aber auch die von Armut weniger betroffenen Bohemiens haben es in Tübingen schwerer, wie ich kürzlich süffisant blogjammerte:
    http://zwei.drni.de/archives/1301-Tuebingen,-warum-bist-du-so.html

    Ich frage mich immer, wo eigentlich die prekär beheimateten Künstler in Tübingen alle stecken. Und als Antwort kommt von einzelnen dann so etwas wie: In Wankheim. 😎

    Für das, was ich im hinterletzten Industriegebiet an WG-Miete hinlege, kann man auf dem Land schon beinahe die Raten für ein eigenes Haus bezahlen. Nur: Mit meinem ewig befristeten Job würde mir keiner Kredit geben und auf dem Land fühl ich mich als Intellektueller oft sehr fremd und freue mich, ohne Anfeindungen davon zu kommen.

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