grundsätzlich befristet

Der Geschäftsführer und der zuständige Abteilungsleiter saßen ihm im Einheitslook der Geschäftsleute gegenüber, der nur durch die deutlichen Qualitäts- und wohl auch Preisunterschiede bei den beiden schwarzen Anzüge etwas aufgebrochen wurde. Die Personalchefin trug einen dunkelgrauen Hosenanzug – ob sie wohl noch weitergehende Karrierziele verfolgte, gar in der Politik? 

Er selbst hatte sich zwar ähnlich verkleidet, blieb dabei aber deutlich legerer, als es der Anlass erlaubt hätte. Der Schlips saß recht locker über dem Hemd, dessen oberer Knopf offen blieb, das Jackett hatte er wegen der Hitze gleich im Auto gelassen. Er brauchte den Job nicht wirklich, der ohnehin nur eine Notlösung gewesen wäre. Das Bewerbungsgespräch war nur eine Nachwirkung der letzten, inzwischen erfolgreich beendeten Bewerbungsrunde. Ein Möglichkeit, seine Chancen zu sondieren. Oder einfach, sich an einem der letzten freien Tage gut unterhalten zu lassen.

Ungeachtet seines fast offen zur Schau gestellten Desinteresses lief das Gespräch erstaunlich gut, so dass man sogar auf einige heikle Details zu sprechen kam. Die Bezahlung, die Anwendung von Tarifverträgen und die Frage der Befristung.

„Wir stellen grundsätzlich nur befristet ein.“ erklärte der Geschäftsführer.

Die Routine und Gleichgültigkeit, die in diesem Satz mitschwang, ärgerte ihn. Ob dem Manager überhaupt bewusst war, was eine Befristung für seine Angestellten bedeutete. Was soll´s dachte er – und fragte ihn einfach.

Einen kurzen Moment herrschte Stille im Raum. Obwohl seine Gesprächspartner äußerlich gefasst blieben, sah er doch vor seinem geistigen Auge, wie ihnen innerlich die Kinnladen runterklappten. Einen Moment lang befürchtete er, das das Gespräch nun freundlich aber bestimmt beendet würde. Es kam anders.

„Erklären Sie´s mir“, durchbrach der Geschäftsführer das Schweigen. „Was genau bedeutet denn eine Befristung Ihrer Meinung nach?“

Also erklärte er es. Erzählte von der dauerhaften Unsicherheit und ihren teils ganz konkreten, teils sehr persönlichen bis  psychologischen Folgen. Davon, das eine Heirat oder die Gründung einer Familie immer wieder verschoben wird, bis es irgendwann zu spät dafür ist. Davon, dass man den Gang zur Bank auch bleiben lassen kann, weil der Kredit für das lang ersehnte eigene Haus ohnehin wieder abgelehnt würde – trotz des eigentlich guten, aber eben unsicheren Einkommens. Und davon, das man nie wirklich in einer Firma ankommt, sich nicht mit seiner Arbeit verbunden fühlt, kein Herzblut entwickelt und statt dessen vom ersten Tag an die Augen offen hält, ob sich nicht doch irgendwo ein unbefristeter Job finden lässt.

Als er fertig war, wendete sich der Geschäftsführer an seine beiden leitenden Mitarbeiter, die inzwischen mehrfach deutlich genickt hatten: 

„Sagen Sie mal, stimmt das, was er da erzählt.“

Die Personalerin wollte setzte zu einer ausschweifenden Antwort an, aber weiter als „Im Prinzip schon, aber…“ kam sie nicht.

Mit hochrotem Kopf sprang der Chef nun auf und brüllte die beiden an:

„UND WARUM SAGEN SIE MIR SOWAS NICHT; VERDAMMT?“

Eine halbe Stunde später verließen die beiden Mitarbeiter kleinlaut den Raum, nachdem sämtliche Grundsätze der Personalpolitik des mittelständischen Unternehmens vom Chef in Frage gestellt und zum teilweise ad hoc geändert worden waren.

Letztlich bekam er den Job angeboten – unbefristet. Er lehnte dennoch dankend ab. Aber das war nicht mehr wichtig. Aus dem Bewerbungsgespräch war etwas ganz anderes geworden, was sein Gastgeber bei der Verabschiedung auch unumwunden zugab:

„Eigentlich müssten Sie mir jetzt eine Rechnung schicken. Ein Unternehmensberater würde für dieses Gespräch sicherlich 3000 EUR nehmen. Vielen Dank und auf Wiedersehen.“ 

Ein Kommentar zu “grundsätzlich befristet

  1. In meinem Umfeld bekommen die Leute gerade karnickelartig Kinder und kaufen sich innigst Immobilien. Ich sitze solange auf meiner befristeten Uni-Stelle und hoffe, bald eine nächste befristete Uni-Stelle zu bekommen.

    Es ist kein Wunder, dass in Tübingen fast alle Vermieter bruddelige alte Schwaben sind: Die Uni-Akademiker haben selten genug Perspektive, um sich eine Hütte zu finanzieren. Und wenn sie den Mut dazu haben, das ohne Perspektive zu tun, dann gibt ihnen die Bank kein Geld. Und Familie? Das ist was für die Hartgesottenen oder für Paare, in denen einer dick in der Industrie verdient und die Sicherheit schafft, wobei dann der andere quasi zum Spaß an der Uni arbeitet. Aber viele Beziehungen überleben es auch einfach nicht.

    Dann wirste als Single in der Mensa gesiezt, hast noch 1 Jahr einen Job und Deine Altersgenossen zahlen die Miete in die Eigenheimtasche, während Du in der „Spitzenforschung“ immer ärmer wirst.

    Leider will sich die Elite-Uni die 3000€ für den Unternehmensberater nicht leisten.

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