Natalia

Sie nickte kurz, ich nahm ihre Hand und wir sprangen. Das Wasser des Gebirgsbaches, mit dem das kleine Naturschwimmbad gespeist wurde, war eiskalt. Um die Kälte zu vergessen, fingen wir an zu toben und zu planschen, versuchten uns gegenseitig unter Wasser zu drücken und schwammen um die Wette. Unser Lachen durchbrach die Stille des kühlen Sommerabends und muss in der nahen Feriensiedlung in dieser entlegenen Ecke des Thüringer Waldes gut zu hören gewesen sein. Kurz darauf lagen wir fröstelnd auf der Wiese, ließen uns von der fahlen Sonne wärmen und beobachteten die Wolken, wie sie über den Himmel zogen. 

Es wäre der perfekte Moment für einen Kuss gewesen. Aber es war 1987, wir waren 9 Jahre alt und hatte ja keine Ahnung. Keine Ahnung, dass wir uns gerade verliebt hatten.

Wir konnten ja nicht mal miteinander reden, denn Natalia kam aus Polen, sprach kein Wort Deutsch, ich kein Wort Polnisch. Was uns nicht davon abhielt, den Rest des Urlaub so viel Zeit wir nur möglich miteinander zu verbringen und zum Abschied – nein, immer noch nicht zu küssen – unsere Adressen auszutauschen. 

Nach Ende der Ferien begannen wir tatsächlich einen regen Briefwechsel. Ich schrieb ihr in deutsch, sie ließ die Briefe von irgend jemand übersetzen. Ihre Briefe kamen stets in doppelter Ausfertigung: Ihr polnisches Original, für mich zwar unverständlich, aber ihrer feinen, nahezu perfekten Mädchenhandschrift mit Füller geschrieben, oft mit kleinen Bildern und Verzierungen am Rand. Und eine deutsche Übersetzung, ein schmuckloser Zettel, oft kariert, mit einer krakeligen Kugelschreiber-Schrift bekritzelt.

Ein Jahr später sah ich im Westfernsehen Berichte aus Warschau, wo ein Gewerkschaft – was auch immer das war mit dem merkwürdigen Namen „Solidarnoschd“ eine Werft bestreike.

Ich war verwirrt. Ich wusste natürlich, was ein Streik war: Streiken mussten unterdrückte Arbeiter in den kapitalistischen Länder, um die dort herrschende Unterdrückung zumindest etwas einzudämmen und ihr Leben etwas erträglicher zu machen. Aber ein Streik in einem sozialistischen Land? Das machte keinen Sinn. Ich verstand es einfach nicht, aber ich hatte jemanden, den ich fragen konnte: Natalia.

„Liebe Natalia, was ist den bloß bei euch in Polen los?“

begann ich daher meinen nächsten Brief und war nicht nur stolz auf meine gute Idee, meine polnische Brieffreunding dazu zu befragen, sondern auch auf den miesen Reim.

Ich bekam nie eine Antwort.

Eine Weile dachte ich noch hin und wieder an sie und fragte mich, warum sie wohl nicht mehr schreibt. Dann verlor ich das Interesse, bald war nicht mehr als eine schöne Erinnerung und letztlich vergaß ich sie ganz.

Jetzt, 25 Jahre später, taucht sie plötzlich in meinem Kopf wieder auf. Ich frage mich, ob sie meinen letzten Brief überhaupt erhalten hat? Ob sie Ärger bekommen hat? Was wohl aus ihr geworden ist? Vielleicht lebt sie ja inzwischen auch in Deutschland, ist „rausgefahren“.

So wie Alexandra Tobor, deren wunderbarer Roman mit dem etwas merkwürdigen Titel „Sitzen vier Polen im Auto“ diese Erinnerungen wachgerufen hat.

Das Buch ist das eine wunderbar unaufgeregte, mit viel Herz und Witz erzählte Auswanderungsgeschichte und sei hiermit wärmstens empfohlen.

Nach der äußerst unterhaltsamen Lektüre hatte ich das Gefühl, die Polen in Deutschland – die bis dahin eigentlich gar nicht wahrgenommen hatte – ein wenig besser verstanden zu haben. Und Vielleicht auch Natalia, meine polnische Brieffreundin auch einer anderen Zeit.

 

 

2 Kommentare zu “Natalia

  1. Au, stimmt, ich hab mir das Buch schon vor vielen vielen Wochen bestellt und liefern lassen, liegt im Wohnzimmer noch leider ungelesen rum. Sollte das mal häufiger einstecken bei Zugfahrten. Danke für die Erinnerung und für den neuen Blogpost von Dir 😉

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