Kriminelle, Stars und scheue Tierchen (DLN6)

große erwartungen

Große Erwartungen

Das Letz nas wieder und sein Chronist war nach einmaliger Abwesenheit (vielleicht) wieder dabei im Zimmertheater zu Tübingen. Große Erwartungen waren geweckt, zunächst gab es aber grüne Becher. Auch schön.

lesezeitkonkurenten

Lesezeitkonkurenten

Die Diablogger Wolfgang und Uli, inzwischen altgediente Gastgeber, Veranstalter und feste Größe auf der verschnupften Tübinger Lesebühne, hatten sich diesmal ob der Aufteilung der knapp bemessenen Lesezeit nicht so recht einigen können und bel(u/ä)stigten das Publikum mit unterschwälligen Vorwürfen, der eine läse einen viel zu langen Text, während der andere beim Lesen nicht zu Pötte käme.

Dabei „las“ Wolfgang einen Text, der noch nicht mal geschrieben war. Über die harten Zeiten, Anfang der 1990er, in Tübingen als Student eine Unterkunft zu bekommen. Über die ausgeklügelten Algorithmen des Studentenwerks, den knappen Wohnraum gerecht und diskriminierungsfrei zuzuteilen: Durch Würfeln! Und dann hat er auch noch den Papst (nicht) gesehen. Herzerweichend.

Ähnlich auf die Tränendrüse drückt Kriminalitätsopfer Uli. Trotz vermeintlich ländlich-schwäbischer Idylle werden da Birnbäume entwendet, offene Schuppen heimtückig abgeschlossen und zuletzt schlägt gar noch die berüchtigte Verschissene-Windel-Bande zu. Zu allem Unglück heißt der ermittelnde Polizist qua Dienstrang wie Imbisskost. Dabei hat dann auch ein „Busle“ seinen obligatorischen Auftritt bei DLN6 – also: große Erwartungen: erfüllt.

Wolfgang und Uli schreiben ins Internetz: Dialog / Nichtsblog / WIDL

überdosis phantasie

Überdosis Phantasie

Markus Seefried lebt ebenfalls idyllisch,allerdings nicht am Rand der Schwäbischen Alb sondern am Bodensee. Dort hat er weniger Probleme mit Kriminellen als mit seiner Phantasie. Die ist nämlich zu viel, die Phantasie, in Überdosis, wie er selbst zu gibt. So kommt es, das ein unbedeutender Smalltalk übers Fliegen die Ausarbeitung derart detaillierte Pläne über die Einführung des Personenluftverkehrs zur Folge hat, dass sogar die Auswirkungen auf die alteingesessene Automobilindustrie abgeschätzt werden. Außerdem hat er Angst, am Haken eines Änderungsatelies für „Damen und Herren“ zu enden, wo dann seine Überschüssige Phantasie kurzerhand gekürzt würde.

Wäre halb so wild, dann bliebe ihm immer noch seine beneidenswerte Auffassungsgabe, die unscheinbaren kleinen Geschichten im Alltag zu entdecken, die man gerne übersieht. Wie etwas das deutsch sprechende Kopftuchmädchen.

Diese Talent sieht man auch an seinen Bildern, die immer mal wieder den Texten seines Blogs argwohnheim auftauchen.

pause

Pause

Siluetten im grellen Gegenlicht des Bühnenlichts, lachend, fachsimpelnd, netzwerkend, trinkend, rauchend. Darunter der Neckar, die Stocherkähne fest vertäut. Darüber die Sterne einer warmen Spätsommernacht. Die Glocke, weiter im Text.

lieber kreativ als kriminell

Lieber kreativ als kriminell

Tübingen, warum bist du so hügelig? / Tübingen, warum bist du nicht flach? / Tübingen, nach deiner Flachheit sehn´ ich mich / Tübingen, das hast du nicht bedacht.

Wer solche Texte schreibt, hat einen Platz auf der Lesebühne schon mal grundsätzlich verdient. Dazu noch eine trashige Melodei, ein Video auf Youtube mit sechsstelligen Klickzahlen – dann reicht es auch noch für diverse Massenmedien (außer fürs Schwäbische Tagblatt) und einen CD-Release.

Frauke & Martha haben all das hinter sich oder besser gesagt, sind noch mitten drin im Hype um ihren Tübingen-Song. Auf der Bühne, auf die sie sich zunächst gar nicht rauf trauen berichten sie mit beneidenswerter (Selbst-)Ironie von ungeduldigen Presseanfragen, von suggestiv fragenden Qualitätsjournalisten und von so sympathischen Youtube-Kommentatoren wie „Frankderdichbangt“ oder „Bullenglied1992“.

Zwischendurch wird live knallroter Lippenstift aufgetragen, um stilecht das Gefühl eines Youtube-Superstars zu demonstrieren: Minutenlanges Dauergrinsen. Hat was.

Auch erwähnenswert: Marthas Glitzer-Glamour-Krawatte. Als hätte sie sich mit mir ob meiner recht ungewöhnlichen Fotoausrüstung an diesem Abend abgesprochen. Danke Martha, passte gut.

scheues bloggertier

Scheues Bloggertier

Manche engagieren sauteure PR-Agenturen, um so was wie die Lesestunde loszutreten. Roman Held passiert so etwas versehentlich. Abgesehen davon sorgt es sich auch um andere, weniger appetitliche virale Phänomene, vergleicht höchst unterhaltsam die Zerstörungskraft von Hamstern und Pferden und seziert in bester Hein-Sielmann-Tradition das weithin unerforschte Habitat des Großstadtlebens: Von Hopfentaucher und Krawattenottern ist die Rede, von Businesslöwinen und balzenden Hipstermännchen – und am Schluss sogar von einer besondre seltenen Spezies: dem scheuenen Bloggertier.

Verschwiegen hat er dabei, wie nervös so ein Bloggertier doch werden kann, wenn es einer ungewohnten Umgebung ausgesetzt ist, zum Beispiel einer Theaterbühne. Doch das war dann noch zu beobachten, denn beim Abgang übernahm Roman gleich noch meine traditionelle Bierflaschenpermormance. Mehrfach. Respekt.

Roman bloggt Alternativen und twittert als @hoch21 – gerade auf diesem Kanal sehr empfehlenswert.

glamour

… erfüllt

Das wohl glamouröseste „Das Letz niest“. Sternenfunkel auf der Zimmertheater-Lesebühne, ein Hauch von Hollywood. Damit meine ich nicht nur Frauke & Martha, die jedem roten Täppich gut stehen würden und sogar in die Mikrofone der Societyreporter wunderbar selbstironische Statements abgeben würden. Nein auch bei den Geschichten von Markus Seefried und Roman Held lassen Filme im Kopf entstehen. Woody-Allen-Filme mit Bill Murray als Hauptdarsteller. Die Regisseure des Abends wissen auch zu unterhalten, trotz inzwischen 6. Fortsetzung ihres Welterfolgs „Das Letz niest“. Sowas gabs sonst nur bei Star Treck oder Star Wars.

Apropos Stars:

youtube superstars

 

 

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