hypertext goes theater – Das Letz niest IV

Zimmertheater

Blaue Stunde in Tübingen. Vor dem Zimmertheater lungern merkwürdige Gestalten rum. Und drinnen: mehr davon, vor allem mehr als erwartet. Schlange stehen am Einlass von „Das Letz niest“ – der 4. Ausgabe der Tübinger Bloglesung. Mehr Stühle werden aus dem Keller geholt und nach basisdemokratischer Klärung der Mikrofonfrage kann´s denn auch mal losgehen.

Wolfgang Brenner | Ulrich Eder

Die altgedienten Organisatoren und Gastgeber – Wolfgang Brenner und Ulrich Eder – eröffnen souverän mit WIDL-Bildern auf Leinwand und Keilrahmen und klären zunächst dass, anschließend warum kaum einer mehr Karl Valentin kennt.

Wolfgang, Exiltübinger in Berlin, berichtet von den Problemen zu viele Schriftsteller in der Nachbarschaft zu haben. Probleme, die ich als eher visueller denn literarischer Typ nur bedingt nachvollziehen kann – die meisten Pointen sind eher Insidergags für Feuilleton (Ich kann nicht mal dieses Wort richtig schreiben, ohne es zu googeln). Das Publikum lacht dennoch geschlossen, schließlich sind wir hier in einer alten Universitätsstadt.

Uli, bodenständig im Ländle geblieben, erzählt eine Geschichte vom Busle Mumpfel, von AC/DC-beschallten Verkehrskontrollen, verzweifelten Autoschraubereien und perfide Pläne die sich aufs Wochenende freuende Staatsmacht durch billige Tricks hinters Licht zu führen. Allein der Begriff „Derendinger Bullenhochhaus“ war das Eintrittsgeld wert.

Diablog | Nichtsblog | WIDL

Carola Beck

Schüttelreime sind das Metier von Carola Beck. Schüttelreime und möglichst absurde Geschichten, die auf dieselben hinführen. So absurd wie das Leben von Lutz, dass sich vollständig in Schüttelreimen abspielt. Obwohl das Publikum diese Vorgeschichten mindestens genauso amüsierten wie die Reime selbst, versuchte die Autorin deren möglicherweise deutlich weitergehende Bedeutung durch offen zu Schau gestellter Bescheidenheit herunterzuspielen. Denn, ohne mich hier auf das verminte Feld der Verschwörungstheorien begeben zu wollen, lässt sie eines kaum leugnen:

Zusamm´ gehör´n Reim und Geschichte, wie Spione und Geheimberichte.

Appareil-de-tiptip.de

Helmut Bachschuster

Helmut Bachschuster hat schon Aussichtstürme per Hubschrauber Unterhosen anziehen lassen. Ansonsten kommentiert er pointiert das lokale und Weltgeschehen, gerne auch per Zeichnung, macht Kleinkunst oder organisiert Kultur. Folgerichtig heißt sein digitaler Heimathafen denn auch „Kulturprodakschn„.

Auf der sternutiösen Lesebühne ließ er ein Feuerwerk des feinsinnigen und hintergründigen Humors abbrennen, das sich kaum beschreiben lässt. Außer vielleicht. Im Schützenhaus nahe der gebuchten Eichen lernten Böttinger und Staudenmüller radebrechend die Kunst des Tyrannensturzes. Gleich nach der Wettershow bekamen sie ihr buntes Verdienstkreuz verliehen, räumten ihre Schreibtische auf und ließen mal so richtig einen fahren.

Man sieht: es endet, wie es begonnen hat: mit einer Unterhose.

Kulturprodakschn

Frédéric Valin

Der Star des Abends – eingeflogen aus Wangen im Allgäu (mit kurzem, unbedeutendem Zwischenstopp in Berlin), A-Blog-Mitblogger, Randgruppenmitglied in bestem Wortsinn: Frédéric Valin.

Las „nur“ zwei Texte, etwas längere als die anderen Vortragenden. Texte, die ich beide tatsächlich schon kannte und deren Großartigkeit mich ein zweites mal verblüfft und verdammt gut unterhalten zurück lies. Es sei hier dringend empfohlen, beide in Gänze zu lesen:

„Von Gähnern und Gammlern“ – Ein literarisches Roadmovie, naja – eher Flughafenbarmovie – von Menschen die das reisen derart verabscheuen, das selbst Alkohol keine Lösung ist. Und über Flugangst.

„Punk Dead“ – Jung sein auf dem Land. Zitat: „München und Stuttgart hielten wir für Großstädte.“ Und der werte Valin wundert sich auch noch, das manche Pointen regional höchst unterschiedlich ankommen.

Über seine These, durch die Existenz von Stundenplänen an Universitäten durch die Bologna-Reform (er meint vermutlich: jetzt auch in geisteswissenschaftlichen Fächern) würde einem neuen „68“ der Boden bereitet, muss noch mal diskutiert werden. Mir fielen da eine Menge bessere Gründe ein, die oft man auch seinen Texten herauslesen kann.

Spreeblick | Randgruppenmitglied | Kleine Notizen

Und insgesamt so?

Erstmal freu es mich, dass diesmal nicht nur die üblichen Verdächtigen im Publikum saßen. was den Ausschlag gegeben hat für diesen unerwarteten Andrang – die Verlegung auf Sonntag, der Ort Zimmertheater (nebst Ankündigungskanal) oder gar der höhere Eintrittspreis (jeder Schwabe weiß: wos nix koscht, is nix wert…) – sei mal dahin gestellt. Es ist gut so und lässt sich hoffentlich auch so fortsetzen.

Ein Dank also an die Lesenden auf der Bühne, die mich sehr gut unterhalten haben. Ich hoffe mal mein penetrantes Linse-ins-Gesicht halten hat nicht zu sehr gestört.

Ein Dank auch an Uli und Wolfgang für den langen Atem, trotz der homöopatischen Besucherdosis bei DLN II und III den Kopf nicht in den Sand zu stecken und einfach weiterzumachen.

P.S. In eigener Sache

Eine Frage in an die Stammgäste: Ist eigentlich keinem aufgefallen, dass ich jedes Mal irgendwas ungehöriges mit meinem 2. Bier mache. Diesmal hätte es fast nicht geklappt, aber dank der tatkräftigen Hilfe konnte letztlich doch ein publikumswirksames, da geräuschvolles Bierflasche-rollt-steinerne-Kellertreppe-runter inszeniert werden. Etwas mehr Applaus hätte ich mir aber schon gewünscht.

Nachtrag:

Da die Herren Bachschuster und Eder neuerdings belieben, ihre Text erst vorzulesen und dann erst nachträglich in dieses Internet zu schreiben, wird hier eben dies notwendig: ein Nachtrag. Seien es auch nur ein paar Links zu den vorgetragenen Texten, die Nachgetragen werden. Deren Lektüre sei allen Verhinderten im Übrigen wärmstens empfolen.

Bachschusters „Texte, die (er) bei „Das Letz niest“ (IV) las“ – Teil I und Teil II.

Eders Geständnis: „High Voltage oder: Ich war jung und brauchte das Geld“ – nur echt mit Derendinger Bullenhochhaus.

6 Kommentare zu “hypertext goes theater – Das Letz niest IV

  1. Dein Bericht ist ein richtiges Aha-Erlebnis: Ich komme mir vor, als hätte ich einen Film besucht, in dem ich selbst mitspiele. Und weil ich weiß, dass Schreiben ein „Gschäft“ ist, weiß ich es – inklusive fantastischer Atmosphärefotos – sehr zu würdigen. Dankschee!

  2. Danke für diese tolle Zusammenfassung des schönen, unterhaltsamen, lustigen Abend’s.
    …und es war mir eine Ehre dich und dein zweites Bier in Szene zu setzen
    (sorry). Das mit dem Applaus klappt vielleicht im Mai 😉

  3. Noch ne Frage: Was ist eine „sternutiöse“ Lesebühne? Sehr schön finde ich Deine geniale Übersetzung von „Homepage“: „Digitaler Heimathafen“. Muss man da beim Verwenden immer ein Kreisle mit ‚c‘ drin und eldersign schreiben? Außerdem verspreche ich, das nächste Mal zu applaudieren, wenn Du Deine Flaschennummer machst!

  4. Die unfehlbare Wikipedia sagt: „Niesen (…) lat. sternutio. Um das hier mal aufzuklären.

    Und nein, ich werde „digitaler Heimathafen“ nicht als Marke schützen lassen. Ich mach hier doch nicht die Uschi!

Kommentar verfassen