Kuscheltierentführer entgeht Küsschen, redet aber in der Ubahn mit Kindermodedesignern

Eigentlich habe ich ein inneres Bedürfnis, diesen Blogbeitrag zu eröffnen mit einem Satz wie: „Worauf habe ich mich da bloß eingelassen.“ Tue ich natürlich nicht, sondern erfülle meine Chronistenpflicht wie immer mit großer Freude. Wie inzwischen allseits erwartet.

Von ZEIT und ORT


Die Dritte Auflage der Tübinger Bloglesung mit dem auch durch mehrfache Wiederholungen nicht intelligenter werdenden Namen „Das Letz niest“ fand wegen unbedeutender Parallelveranstaltungen dieses Mal in der Peripherie statt. In jener des Sudhauses nämlich. Nachteil: ich kannte den Weg nicht. Vorteil: Nicht geringeres als die ZEIT wies den Weg zu dem ORT, ein Umstand, der später am Abend noch textlich aufgearbeitet werden sollte.


Von Pasta und was davon übrig bleibt


Zunächst übernahmen aber Uli und Wolfgang, die emsigen Organisatoren des Abends, die investigativsten Kleingartenvereinsschriftführer der deutschen Blogosphäre die Lesebühne. Uli holte einmal tief Luft und klärte das versammelte Publikum zunächst über die Vielfalt italienischer Pastasorten auf, brach dann aber den Vortrag kurz vor Schluss ab – während Wolfgang ohne weitere Umschweife einen Text über das, was von Pasta nach Verzehr übrig bleibt – speziell während einer Wohnmobilreise durch die USA – verlas. Damit war klar: vom Niveau her konnte es von nun an nur noch noch aufwärts gehen 😉

Ging es auch, obwohl weitere Versuche unternommen wurden, selbiges zu verhindern, etwa durch den Einsatz eines iPhones namens Frank als Aushilfsblogvorleser oder durch weiteres Herumreiten auf dem Verdauungsprozessendproduktethema. Gegen einen Kuscheltierentführer und einen Berliner Schwäbischlehrer (beides aus der Reihe: „Relativ unpopuläre Berufe in Prenzlauer Berg“) kamen so plumpe Versuche, das Publikum möglichst schnell nach Zahlung des Eintrittsgelds wieder loszuwerden, natürlich nicht an.

Letztlich mussten doch noch die angereisten Gäste übernehmen.

Von verpassten Küsschen und schwäbischen Musliminnen

Der in Berlin lebende Hagellocher und in Hagelloch lebende Berliner Sebastian Rogler blogt als Schneck08 noch so, wie es vom Erfinder einmal vorgesehen war (zumindest wenn die gängigen Erklärungsansätze papierorientierter Medien stimmen sollten): Als Tagebuch.

So erfährt das Publikum, dass der werte Herr Schneck keine Küschen möchte, wenn dann Zungenkuss, andernfalls reicht Handgeben, sich dennoch über verpasste Küsschen beschwert. Dass Tübingen einen Grad an wohlstandsgenährter Political correctness erreicht habe, dass selbst kopftuchtragende Musliminnen laut schwäbelnd an der Fleischtheke vordrängeln dürfen. Er berichtet, wie man an einen „Job mit Damen“ kommt und vom Sex mit Psychologinnen, ach ja Cornichons in Bohrlöschern spielen auch noch eine Rolle.

Neben derartiger Nebensächlichkeiten wird aber auch über die spirituelle Bedeutung von Orten und ihr Verhältnis zur Zeit und zum Menschen philosophiert. Die schonungslose Selbstanalyse „Jetzt bin ich der böse Mann“ wird hochzufrieden vorgetragen und die Tatsache erörtert, dass die Ursel in ihrem Leben ca. 30 Spinnen des Nachts verspeisen wird. Und nicht nur sie.

Man sieht also: der Mann versteht, was die Welt im innersten … und so weiter. Darum macht er auch Kunst. Und stellt sie aus, derzeit in der Kulturhalle Tübingen.

Von mittelmäßiger Kindermode und der Freiheit des Internets

Christian Wöhrl war aus Hamburg angereist und klärte das Tübinger Publikum zunächst über einige norddeutsche Gepflogenheiten auf und wies dabei zur Überraschung aller nach, das die Hälfte von Silber exakt Petersilie ergibt.

Der Titel seines Blogs suggeriert, er habe nichts zu sagen. Der Inhalt desselben und seine übrigen Aktivitäten (egal ob fotografisch, politisch oder als Übersetzer des Romans „Little Brother“) strafen dies aber Lügen.

Darum folgt auf auf kurze Anmerkungen zum fehlenden Kindermodesegment mittig der Extreme des „Prinzessin Lillifee“- und „Che Guevara Camouflage“-Stils ein längerer Essay zur Freiheit des Internets (den ich hier auch gerne verlinken würde, zunächst aber nicht finden konnte /Hinweise anyone?).

Vom Reden und Schweigen in öffentlichen Verkehrsmitteln und der Kunst des Weltverbesserns

Fabian Neidhardt (oder: faBy Nightheart), der junge wilde des Abends, zog es vor seine Text stehend und (weitgehend) frei vorzutragen. Als erfahrener Poetry Slammer fiel ihm das nicht sonderlich schwer, anders als auf diesen Veranstaltung konnte sich faBy aber abseits des dort üblichen Zeitlimits austoben.

Er empfahl, um das Herz eines Mädchens zu gewinnen, die mal spontan um 4 Gefallen zu bitten. Er machte ein paar recht radikale Vorschläge, wie man die Welt nachhaltig retten und wie man sie, speziell an trüben Dienstagen, zumindest ein wenig besser machen könnte: durch Reden statt Schweigen.

Letzters, also das Weltverbessern (ein bischen zumindest), scheint ohnehin sein Steckenpferd zu sein. Darum verteilt er in den Betonwüsten überall gleich aussehender Fußgängerzonen free hugs, alternativ auch mal Gutscheine für ein Lächeln. Eine grandiose Idee, ich hab meinen bereits mehrfach erfolgreich eingesetzt :-) <--(seht ihr, es funktioniert!)

Ebenfalls ein Betrag zur Weltverbesserung ist sein Hörbuch des oben bereits erwähnten Romans „Little Brother“. Derzeit entsteht auf dieser basis auch ein Hörspiel, für das noch Sprecher gesucht werden.

Fazit

Auch die dritte Auflage der Tübinger Bloglesung habe ich als sehr gelungen erlebt. Uli und Wolfgang haben es wieder einmal geschafft, interessante Leute aus diesem Internet auf die sehr reale Lesebühne zu bringen. Wie gewohnt hielten sich heitere Anekdoten und eher ernste / nachdenkliche Texte gut die Waage. Spannend fand ich den ersten Vorstoß mit Christian Wöhrl und seinen netzpolitischen Themen erstmal auch eine politische Dimension in die Veranstaltung einzubringen. An dieser Stelle würde sich natürlich auch anbieten, nach dem Vortragen solcher Texte auch ein wenig Raum für Diskussion zu lassen.

Das Publikum blieb wieder überschaubar, der Großteil kannte sich untereinander. Diese familiäre Atmosphäre ist zwar einerseits sehr angenehm, andererseits hätte die Veranstaltung auch mehr Publikum verdient. Oder eben beim nächsten mal wieder im Wohnzimmer der Tübinger Netzbewohner, dem Club Voltaire – da ist halt etwas kuscheliger :-)


Links

Uli Eder, Wolfgang Brenner | Dia-Blog, Nichtsblog, Wer ist dir lieber?, Laubenpieper

Sebastian Rogler | schneck08

Christian Wöhrl | ach nichts, cwoehrl.de

Fabian Neidhardt | messenjah.de, mokita.de


5 Kommentare zu “Kuscheltierentführer entgeht Küsschen, redet aber in der Ubahn mit Kindermodedesignern

  1. Ich weiß, warum ich dich zum Chronisten erkor. Allein die Rückwärtsrecherche der gelesenen Texte … uiuiuiui.

    Den Essay von Christian konntest du im Netz nicht finden, denn er erschien im Buch „2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets“, herausgegeben von den Internetspezialisten Burda, Döpfner, Hombach und Rüttgers im Klartext-Verlag. Christian selbst verfasste dazu eine kurze Rezension, der nichts hinzuzufügen ist, außer, dass sein Beitrag das Niveau des Buches deutlich hebt.
    Immerhin sind Inhaltsverzeichnis und Vorwort des Buches als PDF einsehbar.

    Das nächste Letz niest (und der Name bleibt jetzt extra!) findet wieder in der Innenstadt statt – voraussichtlich im Januar.

  2. Danke für den schönen Bericht! Toll, dass du auch die vorgelagerte Ausstellung nicht vergessen hast :)

    Was den erwähnten Essay angeht (der sich, wie ich selbstkritisch anmerken muss, besser liest als vorliest – retrospektiv zumindest ohne Diskussionsfenster vielleicht doch etwas schweres Futter für solch einen Rahmen, aber ich war diesbezüglich kompletter Newbie):

    Leider konnte ich mich beim Verlag nicht mit der Anregung durchsetzen, ihn zu Werbezwecken, wenn es doch schon darum geht, selbst unter CC-Lizenz zu stellen. Will sagen: Er existiert leider nur in einem käuflichen Buch – analog oder eBook, siehe http://www.internet-2020.de

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