RACT!-Festival 2010 – Erlebnisse eines Konzertfotografen in Ausbildung

Das RACT!-Festival 2010 ist Geschichte und ich war dabei und habe mich mal auf das Gebiet Konzertfotografie vorgewagt.


RACT!

Zunächst mal für meine Leser, die nicht aus Tübingen und Umgebung kommen: Das RACT! ist ein ehrenamtlich organisiertes „Umsonst und Draußen“-Festival, mit dem Anspruch auch politisch zu sein – ohne dabei eine Richtung vorzugeben. Neben Livemusik und Bier gibt es auf diesem Festival darum auch Stände von Parteien und anderen politisch Aktiven und Workshops zu aktuellen politischen Themen. Das ist schön und gut, für mich persönlich aber, offen gestanden, vollkommen uninteressant.

Spannender fand ich da schon, dass möglichst vielen „Jugendkulturen“ eine Plattform geboten werden soll. Darum gab es auf dem RACT nicht nur einen sehr Mix an Musikstilen – Metal, Blues, Hiphop, Ska, Reggae, Rock (das hab ich so mitbekommen und ich war nur an einen Tag da) – sondern auch Workshops zu kulturellen Themen (Theater, Radio, …) und sogar auf der Hauptbühne einen …

Poetry Slam

Ich gebe es ja zu, außer ein paar gut gepflegter Vorurteile weiß ich nicht viel von Poetry Slams. Aber anscheinend ist da ja eine recht aktive und vielfältige Szene entstanden. Obwohl recht früh am Nachmittag hatte sich doch reichlich Publikum eingefunden und lauschte den Darbietungen der Künstler:

Franziska Schubert und Luca Kiesler Kieser


(a.k.a raketenkot und niximkopf) – Bereits bekannt von „Das Letz niest II“, trugen zum Teil die selben Texte vor, hier aber mit mehr Biss, in diesem Umfeld fühlten sie sich offenbar wohler.

Harry Kienzler und Jakob Nacken


Wohl so etwas wie die Grandseigneur der Tübinger Poetry Slam Szene. Lasen Texte über ihr Alter und Zahlen. Die verstehen ihr Handwerk.

Sylvie le Bonheur


Die Frau mit dem schönen Namen, wie der Moderator sie ankündigte, reiste aus Mannheim an und ihre Mutter machte sich allerlei Sorgen, was dabei so alles passieren könne. Sylvie las einen Text darüber. Und das war noch nicht mal das schlimmste…

Gabriele


Die Frau ohne Nachnamen, ohne Link, ohne Epilierer, ohne Lächeln, ohne Freunde, ohne Sex. Und alles nur wegen zuviel Gemüse.

Keno Heyenga


hat den Slam gewonnen, leider kann ich mich nicht mehr an seinen Text erinnern. Ich bitte untertänigst um Vergebung, musste fotografieren.

RACT 2010 – Poetry Slam – a set on Flickr

Eigentlich war ich aber nicht wegen gesprochen Wortes gekommen, sondern wegen der …

Musik

So gerne ich hier wortreich die Musik der erlebten Bands beschreiben würde, das wird mir nicht gelingen. Darum nur ein paar kurze Stichworte und die Empfehlung, die Musik zu kaufen und die Konzerte zu besuchen. Den gut waren die alle, auch wenn mir genrebedingt nicht alle gleich gut gefallen haben. In mein Gehör gedrungen und vor meine Linse geraten sind:

Scuffproof


Aus Tübingen. Harter Metal und ein Heiratsantrag. Genau mein Ding.

RACT 2010 – Scuffproof – a set on Flickr

State off the art


Aus Baden-Württemberg, keine Ahnung woher genau. Klassische Rock-Combo: Sänger, Gitarrist, Basser, Schlagzeuger. For the Ladys (in dieser Reihenfolge).

RACT 2010 – State off the art – a set on Flickr

Pinatubo Bay


Aus Tübingen. Machen Ska, Reggae, Soul. Eine Menge Leute auf der Bühne, neben den üblichen Saiten auch Trompete, Saxophon und Posane. Und eine Dame am Mikrofon. So lässt sich´s leben.

RACT 2010 – Pinatubo Bay – a set on Flickr

Callya & Albino


Aus Tübingen. Hip-Hop. Nicht so meine Musik, obwohl löblicher Weise eher Richtung Blumentopf, weniger Richtung Bushido. Sympathisch trotz Sprechgesang.

RACT 2010 – Callya & Albino – a set on Flickr

Shy guy at the show


Aus Karlsruhe. Der Sänger geht glatt als Mike-Jagger-Double durch. Die dunkle Seite der Musik, gerne wieder.

RACT 2010 – Shy guy at the show – a set on Flickr

Pantasonics


Aus Tübingen. Nach eigener Aussage: Dirty Reggae und Balkan Funk. Genau. Geil. Ihr habt einen neuen Fan. Versteckt euch vor dem Killer!

RACT 2010 – Pantasonics – a set on Flickr

Nu sports


Aus Stuttgart. Ska. Weiß ich nun auch mal, was das ist. Sänger mit Hut und verdammt viele Instumente. Party.

RACT 2010 – Nu sports – a set on Flickr


The rising rocket


Aus Stuttgart. Karowesten und Schlipse. Ein Kontrabass. Und sie rocken.

RACT 2010 – The rising rocket – a set on Flickr

Party war natürlich nicht nur auf sondern auch …

Vor der Bühne

Die Menge tobte, …


dem Pogo-Gott wurde gehuldigt, …


den Digicams wurden Höchstleistungen abverlangt …


und ab und zu durften sich müde Füße auch ausruhen.


RACT 2010 – Crowd – a set on Flickr

Und das alles war nur möglich durch das

RACT-Team


Was dieses Team, freiwillig und ohne Bezahlung, so auf die Beine stellt, ist schon erstaunlich. Das war ein professionelles Festival, was da trotz aller Schwierigkeiten auf die Beine gestellt wurde.

Und Schwierigkeiten gab es in diesem Jahr mehr als genug. Am traditionellen – und überaus geeigneten – Veranstaltungsort, einem Stadtpark mit See, startete zeitgleich ein kommerzielles sgn. „Public Viewing“, das gerüchtehalber um die 200 Besucher an fraglichem Wochenende hatte, beim RACT waren es 12.000. Dafür musste nun das Festival an einen drittklassigen Ausweichort stattfinden. Mit Platz für nur zwei Bühnen, die sich dennoch akustisch in die Quere kamen. Auf hartem Asphalt statt weichem Rasen. Mit mehr lärmgestörten Anwohnern. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen bei der Stadt Tübingen merken, dass dies eine Fehlentscheidung war, die nicht wiederholt werden darf. Auch nicht in zwei (EM) oder vier Jahren (nächste WM).

Darum hier noch mal mein Dank und Respekt für die Macher.

RACT 2010 – Stuff – a set on Flickr

Außer zum Biertrinken und Livemusik genießen war vor dort zum …

Fotografieren


Wie schon erwähnt, war das mein erster Ausflug in die Konzertfotografie. Dadurch, dass ich von späten Nachmittag – da war es noch hell und nicht allzu voll – bis Mitternacht – als nicht nur dunkel war, sondern auch die Massen vor der Bühne am toben waren – vor Ort, konnte ich mich an beiden die damit schon hinreichend beschriebenen Probleme gewöhnen.

Problem 1: Publikum:
Mit der Zeit wurde es immer enger vor der Bühne. Irgendwann musste ich, um noch gute Perspektiven zu bekommen, mich durch tanzende Menschenmassen drängen. Zwar hatte ich Dank der unkomplizierten Akkreditierung auch Zugang zum Backstagebereich und zu Bühne, was aber fürs Fotografieren gar nicht so hilfreich war, wie ich erwartet hatte. Schließlich stand ich dann hinter den Musikern (vom Drummer mal abgesehen), bestenfalls waren Profilfotos möglich. Dann doch lieber vordrängeln und auf Boxen klettern.

Problem 2: Dunkelheit:
Außerdem wurde es völlig unerwartet immer dunkler. Die ISO musste immer höher geschraubt werden, die Belichtungszeiten wurden immer länger. Trotzdem häuften sich mit fortschreitender Zeit der Ausschuss, wie ich später feststellen musste. Da wegen Problem 1 an den Einsatz eines Stativs nicht zu denken war, hatte ich instinktiv die Schlagzahl erhöht: Spray and pray.

Bei diesem Shooting hatte meine übliche Komfortzone zunächst doch ein ganzes Stück verlassen. Ich halte mich beim Fotografieren eigentlich lieber unauffällig im Hintergrund, das ging hier mal gar nicht. Als bei den Pantasonics und bei Nu Sports der Platz mit mehreren Tausend Menschen gefüllt war, ging es gar nicht anders, als gut sichtbar auf der Bühne zu arbeiten. Nun ja – man gewöhnt sich dran, die Augen des Publikums sind ohnehin auf anderes gerichtet. Ich glaube, es besteht Wiederholungsgefahr.


(Eines muss ich noch los werden: Liebe Musiker, myspace kann als Strafe für Raubmordkopierer durchgehen, aber nicht als Werbung für euch.)


10 Kommentare zu “RACT!-Festival 2010 – Erlebnisse eines Konzertfotografen in Ausbildung

  1. Da hast Du wieder mal überwiegend saubere Arbeit geleistet und nicht nur ein paar meiner akustischen Erinnerungen eine visuelle hinzugefügt sondern das Auge auch so gehörig erfreut.

    Für Wiederholungstaten kannst Du mal dieses Festivälchen fast gleich um die Ecke von uns vormerken: http://www.umsonstunddraussen.com/

  2. Pingback: Gsallbahdr
  3. Mein Lieblingsbild: Callya & Albino. Gefolgt von Nu sports.

    Ich mache mir langsam Sorgen um den Tübinger Nahverkehr, denn wenn deine Bilder weiter so beängstigend gut sind, wirst du deinen Job an den Nagel hängen. Müssen.

  4. Boa, die Fotos sind richtig gut. Solltest beim nächsten Mal eine Special Presseakkreditierung vom Ract erhalten. Hammer.

  5. hellyeah – wenns dir gefallen hat dann komm doch zu unsrer CD Release party März 2011. sagste bescheid dann gibts nen gästelistenplatz 😉 greetinx kubo / scuffproof

Kommentar verfassen