Die Chronik von „Das Letz niest II“

Da mich Uli ja zum Chronisten der Tübinger Bloggertreffen, Twittertreffen, Bloglesungen und ähnlichen Veranstaltungen, bei denen sich die virtuelle Welt des Internets in der realen Welt manifestiert, ernannt hat, will ich doch mal meinen Chronistenpflichen nachkommen und die 2. Ausgabe der Bloglesung „Das Letz niest“ ausgiebig sezieren.


Um es vorweg zu nehmen: Ganz so voll wie beim ersten Mal war es diesmal nicht. Viel zu schönes Wetter und der fehlende „Zum aller, aller ersten Mal in Tübingen“-Effekt (incl. Vorbericht in der Lokalpresse) machten die Veranstaltung deutlich familiärer. So leer wie die Bühne kurz vor Beginn war es aber im Parkett auch wieder nicht. Und auch dort oben sollte noch ein klein wenig mehr passieren.

In der Vorrede der Veranstalter wurde natürlich auch auf die wunderbar absurde Geschichte eingegangen, ein Tübinger Blogger habe den Bundespräsidenten zu Fall gebracht – laut eines Beitrags des ZDF gar durch einen einzelnen Tweet, der neben ein paar @-Ansprachen und einem Link nur die Worte „Keine Antworten?“ enthielt. Ja, nee, ist klar. Der besagte Blogger war dann auch nicht anwesend. Und so wurde diese Angelegenheit nicht weiter vertieft, sondern ohne Umschweife auf die ersten Lesenden dieses Abends übergeleitet:

raketenkot und niximkopf


Frau raketenkot und Herr niximkopf heißen im wahren Leben Franziska Schubert und Luca Kiesner, haben gerade Abitur gemacht und waren durch ihre bloße Anwesenheit verantwortlich für eine signifikante Senkung des Durchschnittsalters im Raum. Ihre recht ungewöhnlichen Netznamen erklärten beide durch von ihren Vornamen ausgehende Wortspiele, und damit war die Richtung der nachfolgend vorzutragenden Texte klar.

Diese waren mindestens literarisch, zum Teil sogor lyrisch – vorgetragen im Stil von Poetry Slams. Es wurde im Dialog, zusammen und gegeneinander gelesen, mit viel Rhythmus und überraschender Betonung einzelner Schlagwörter, die immer wieder wiederholt wurden. Eine wahre Leseperformance. Und – ich bin ehrlich – was so etwas angeht halte ich mich eher an eine Textzeile aus Sebastaian Krämers epischen Werk „Deutschlehrer„.

„…, ihr hättet schon früher damit beginnen können Poetry Slam und Rapkultur in eurem Unterricht totzukaspern, dann wäre uns bestimmt auch viel erspart geblieben.“

Im Kopf geblieben ist mir aber vor allem der Text zur Reizüberflutung, zur Abstumpfung wegen der Flut schlechter Nachrichten. Natürlich steckt darin viel Wahrheit, leider. Aber meine Vermutung ist ja, dass man mit der Zeit lernt, zu ignorieren, seine Wahrnehmung selektiv zu steuern und den positiven Seiten dieser Welt mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den negativen. Zum eigenen Vorteil, denn alles Schlechte dieser Welt bewusst wahrzunehmen kann doch nur in die Depression führen oder zu Schlimmeren. Teenager scheinen diese Fähigkeit zur Ignoranz oft noch nicht erlangt zu haben – und sind deshalb unglücklich und deprimiert, wozu mit ein selktiver Wahrnehmung und einer gesunden Portion Ignoranz überhaupt kein Anlass bestünde. Denn…

Talent zum texten und performen ist ganz offensichtlich reichlich vorhanden. Wenn die Inhalte nun noch ein klein wenig unterhaltsamer werden – wodurch keinesfalls das Niveau sinken muss – können die beiden noch einiges Stande bringen. Spontan fiel mir so etwas ein wie das Ödipus-Projekt von Bodo Wartke ein.

Andererseits: Irgendwer muss ja auch noch ernsthafte Kunst machen. Also, nur weiter so! Es ist ja nicht alles Comedy. Aber wo wir gerade beim Thema sind:

uliuli und wofl


Die alten Hasen der Tübinger (und Berliner) Bloggerszene, die Tausendsassa des Internets, die unermüdlichen Organisatoren von Twittertreffen und Bloglesungen, kurz: Ulrich Eder und Wolfgang Brenner nahmen an den Mikrofonen Platz und hatten sofort die Lacher auf ihrer Seite, als eines der beiden mit einem für empfindliche Ohren sicher höchst schmerzhaften Knacken den Dienst quittierte.

Solche technischen Schwierigkeiten können aber die beiden ausgefuchsten Showprofis nicht aus der Ruhe bringen. Die nahmen souverän das verblieben Mikrofon in die Hand – so ließ es sich auch besser Herumreichen – und brachten erst einmal eine Klassiker der zeitgenössischen humoristischen Blogliteratur: Den Dachhund! Das Publikum tobt, damit hatte keiner gerechnet. Denn in diesem Text, den die Fans zurecht seit langem auswendig mitsprechen können, zeigt sich besonders deutlich die große Stärke der beiden Diablogger: Sie schreiben so absurd-komische Texte, dass fast jeder Halbsatz mit Pointen gespickt ist. Aber sie denken sich das nicht aus, sie haben dies alles tatsächlich erlebt. Sie filtern einfach die Absurdität des Alltags aus dem Erlebten und tippen das Ergebnis dann in dieses Internet. Ganz große Kunst. Wo lernt man sowas eigentlich?

Direkt verraten habe sie es nicht, aber man konnte es ahnen. Die beiden sind stolze Väter und das Zusammenleben mit Kindern führt offenbar derart häufig zu solch grotesken Situationen, dass man quasi gezwungen ist, diese auf die eine oder andere Weise in (selbst)ironischer Weise zu verarbeiten – schon um der geistigen Gesundheit willen. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein Text über einen Mann im besten Alter, der sich im Swimmingpool mit einigen halb nackten Schönheiten befindet, nicht im grausamen Selbstmord des Protagonisten endet, nachdem sich herausstellte, dass es sich nicht um den Pool einer Villa am Stand der Cote d´azur handelt, sondern um das Babyschwimmen im Uhlandbad.

Aber auch heiße Themen wie „Prostitution im Kinderbuch“ scheuen diese investigativen Aufklärer nicht anzupacken. Oder Gewaltkriminalität unter Tübinger Wohlstandsökoaltachtundsechzigerakademikern. Wir hätten noch ewig zuhören können, aber nein, die Herren brauchten eine:

Pause


An der Bar gab es Bier oder Bionade, und das reichlich – wie gewünscht. Das geneigte Publikum aber war einem weiteren Experiment, gleichsam das Netz zu realisieren, ausgeliefert. Es wurde analog geWIDLt, man hatte sich zwischen Tee und Kaffee zu entscheiden und dies schlüssig und nachvollziehbar zu begründen. Das Ergebnis lautete erschreckender Weise 16:4 für Kaffee, und die Begründungen waren… – ach entscheidet und lest selbst!

Nebenher wurde vor der auch über die potentielle Vertonung eines Texts von raketenkot/niximkopf verhandelt, es entspann sich eine lebhafte Diskussion um die Rechte am geistigen Eigentum in Zeiten des Internets. Eine ähnlich Debatte könnte auch ob des Hobby des nächsten Protagonisten anzetteln:

Baranek


Dirk Baranek – seines Zeichens Onlinejournalist zu allen Bereichen, die ihm Spaß machen (sonst macht´s ja keinen Spaß…) – sammelt in seiner Freizeit Zettel. Zettel fremder Menschen, Zettel die ihm /oder er ihnen/ zufällig über den Weg laufen. Zettel auf denen mindestens ein Wort handschriftlich notiert wurde. Einkaufszettel, Handwerkerzettel, Schulheftkritzeleien, Falschparker-auf-ihr-schändliches-Tun-hinweis-Zettel, zerrissene Liebesbriefe oder sogar Zettel auf denen in feinster Businesswoman-Handschrift steht:

„Hallo Anika & Lilly eine von Euch soll sich bitte bei Ute melden! Danke“

Glaubt ihr nicht? Seht selbst:


Nebenbei bemerkt: Zur Präsentation dieser Zettelwirtschaft benutzte er ein iPad, weshalb ich mich nur mäßig auf seinen Vortrag konzentrieren konnte. Zu sehr war ich damit beschäftigt den Geifer des blanken Leids in mit zu unterdrücken. Mit mäßigem Erfolg, denn: „3-4 Wochen Lieferzeit.“

Von daher – nicht etwa wegen mangelnder Qualität und Unterhaltung – war ich recht froh, als er überleitete auf die letzte Leserin des Abends:

litschi7


Was hätte ich nicht gerne alles über Anke Fitz, die Chronistin des Bananenröckchens (und damit mir in gewisser Weise seelenverwandt), geschrieben:

Quoten-Frau – aber da war ja schon raketenkot.

Quoten-Berlinerin – aber da war ja schon Wolfgang.

Vielleicht ja Quoten-Fitz? – Aber auch das wäre beinahe ausgeschieden, denn Anke hat die Familie mit dabei. Glücklicherweise ihre Eltern, nicht die des Taubenvergrämers, und so bleibt es – ja – bei Quoten-Fitz.

Über die Frau Mama der lieben Anke wurde denn auch noch berichtet. Zwar unfreiwillig aus dem Munde von Uli (oder Wolfgang?), aber derart schmeichelhaft, dass ich nur empfehlen kann den Text einmal ganz zu lesen, eine Umschulung zu einem Handwerksberuf zu machen, einen Auftrag im Hause dieser allumsorgenden Frau Mama an Land zu ziehen und fortan glücklich und zufrieden zu leben.

Wesen Mutter ein so großes Herz hat, der kann selbst auch kein schlechter Mensch sein. Darum will ich Anke auch verzeihen, das sie sich verächtlich äußerte über meine übliche Sommergardarobe. Und nein, dieses Pamphlet werde ich nicht verlinken!

und nun?

Steht dem Chronisten eigentlich ein Urteil zu? Wahrscheinlich nicht, aber: Es war ein sehr unterhaltsamer Abend mit einigen Überraschungen, mir bis dahin Unbekannten und einigen Anregungen, auch im Netz mal wieder abseits der ausgetretenen Pfade (sprich: außerhalb der abonnierten RSS-Feeds) sich umzuschauen.

Es bleibt zu hoffen, das dies dicht nas metze Lal war, dass das Letz genossen hat. (Und wurde.)

Links

Franziska Schubert veröffentlicht ihre Texte bei raktenkot,

Luca Kieser dagegen bei niximkopf.

Ulrich Eder und Wolfgang Brenner führen den Dia-Blog, den Nichtsblog, fragen uns „Wer ist dir lieber?“ und sind Laubenpieper. Außerdem twittern sie als @uliuli und @wofl.

Dirk Baranek schreib über Spanien bei espania.de, über feinschmeckendes bei feinschmeckerblog.de und übers iPad im ipad-mag.de. Außerdem twittert er als @baranek und filmt in Restaurants heimlich die Kellner.

Anke Fitz führt die bananaskirt cronicles, bloggt auf englisch im litchi7blog unt twittert als @litchi7.

Die offizielle Seite der phänomenalen Tübinger Bloglesungen „Das Letz niest“ ist erstaunlicher Weise das-letz-nienst.de


9 Kommentare zu “Die Chronik von „Das Letz niest II“

  1. Chapeau! Da ist ja feinstes Feuilleton. Und dann noch die hervorragenden Schwarz-weiß-Bilder! Aber bei Franziska Schubert und Luca Kiesner ist mir das Urteil zu streng. Ja, ich mag’s auch unterhaltsam, aber die Ernsthaftigkeit im Inhalt ist in jungen Jahren verständlich (weiß es noch von mir) und lobenswert. Anderen Gleichaltrigen fehlt jegliche Stellungnahme und Parteilichkeit. Hier ist sie! Da finde ich es eher schade, dass jemand wie Baranek, der’s wissen und können müsste, so wenig aus seinen ungeschliffenen Edelsteinen entwickelt. Schließe mich dem Wunsch nach weiteren „letz niest“-Lesungen an.

  2. Mein lieber Scholli Chronist! Ich wusste, dass wir uns auf dich verlassen können. Und dann noch mit feinsten Bildern. Hach.

  3. Danke für den Bericht. Gerne wäre ich dabei gewesen. Man kann auch ernste Texte schreiben und lesen, ohne gleich in Winterschlaf oder Depressionen zu verfallen. Ponyhof ist schließlich heutzutage auch kein Ponyhof mehr.

    Deine Bilder sind gut.

  4. @Blaumann: ja, sehr bedauerlich, das.

    @Helmut Bachschuster: Erstaunlich, wo ich die nie (nie!) das Feuilleton lese.

    @uli: Ehrensache. Ich hoffe es ist okay, dass ich eins der feinen Bilder bei WIDL geklaut habe.

    @DrNI: Manchmal deprimiert mich einfach die Depression von Leuten, denen alle Wege offen stehen.

    Und @all: Vielen Dank für Lob, Tadel und Wortmeldung an sich.

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