Revance

Sie wollte alles richtig machen, darum schob sie jedem Kunden den Kassenzettel hin.

Sicherlich war es kein Traumjob, in diesem kleinen Supermarkt an der Kasse zu sitzen. Aber für sie war es ein Glücksgriff. Die Kollegen waren nett und in gewisser Hinsicht sogar auch der Marktleiter.

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass die meisten Kunden die Kassenzettel gar nicht nahmen. Nun lagen schon Dutzende dieser Zettel auf dem Packtisch und sie war völlig überrascht, alle als plötzlich ein Kunde sich lautstark beklagte, er würde vor lauter Zettel seine schon bezahlte Ware nicht mehr finden. Er hatte ja sogar recht, und es tat ihr auch leid. Aber musste er denn unbedingt deshalb durch den ganzen Markt brüllen, dass es bis ins Chefbüro zu hören war? So ein Choleriker!

Jetzt war sie auf dem Weg nach Hause und so langsam kam die Angst hoch, das Gespräch, zu dem der Marktleiter sie für nächsten Montag einbestellt hatte, könnte das letzte sein. „Am Montag ist sowieso der Hartmann bei uns.“ hatte er gesagt. Hartmann war dieser Typ aus der Zentrale, der ab und zu vorbei kam, alles und jeden kontrollierte, und meist mit nichts und niemandem zufrieden war. Ein Schlipsträger der unangenehmsten Sorte, der scheinbar keinerlei menschlicher Gefühle fähig war und vom jedem erwartete, genau so fehlerfrei zu funktionieren wie er selbst.

All die Horrorgeschichten der Kollegen, wen er alles schon noch so lächerlichen Gründen rausgeworfen hatte, gingen ihr durch den Kopf. Und diese Lächeln, dieses unglaublich arrogante Lächeln, wenn er durch den Markt ging.

Es war zuviel für sie. Kaum war sie in den Bus gestiegen, machte ihr Kreislauf schlapp. Sie verlor das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, hatte sich jemand zu ihr herunter gebeugt und redete aus sie ein: „Hallo! Hören Sie mich? Brauchen Sie einen Arzt? Hallo?…“

Sie kannte diese Stimme, aber nicht in dieser besorgten, mitfühlenden Tonalität. Es war der Kunde, der so aufbrausend reagiert hatte. Jetzt war er ihr Busfahrer, und hatte selbst Angst, in dieser Situation Fehler zu machen. Das könnte auch ihm den Job kosten.

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