Offenbach, Parallelwelt

Ankunft in Offenbach, ich komme als Umzugshelfer für einen Freund. Dieser verspätet sich. Habe ein einhalb Stunden zu überbrücken. Ziemlich kalt hier. Gestrandet in der Spielhölle, Café Paparazzi, gegenüber Südausgang des Hbf.

Eine ehemals rustikale Kneipe, die Theke ist noch original, die dunklen Wandvertäfelungen auch. Hinter der Theke eine junge Frau, am einzigen Spielautomaten in meinem Blickfeld ein Herr mittleren Alters – ihr Vater? Beide rauchen, beide scheinen hier irgendwie dazu zugehören, und beide sprechen nur wenig deutsch. Südländer, genauer kann ich das nicht einschätzen.

Ich bekomme einen Kaffee und – unaufgefordert – einen Ascher. Der Kaffee schmeckt, tut gut. Mir wird wärmer. Der Ascher bleibt unbenutzt.

Zeit sich umzuschauen. Wo immer es ging, wurde Kitsch platziert. Bunte Lichterketten, Herzchengirlanden, Kunstblumen. Die Originaldeko wurde mit blauen und roten, halbtransparenten Stoffen überhängt. Eine Diskokugel, an der Decke – Deren Stromkabel ist viel zu kurz, darum wurde offen über der Vertäfelung eine Verlängerungsschnur verlegt. Die Steckverbindung baumelt unmotiviert im Zigarettenqualm.

Ich frage die Kellnerin, wie lange geöffnet ist. Die Antwort übernimmt sofort der Herr am Spielautomaten: „Bis morgen früh.“

Ein alter Mann betritt das Lokal, wird begrüßt, man kennt sich. Er nuschelt Unverständliches, es geht wohl ums Wetter. Ihm ist es zu warm draußen, Scherzkeks. Dann geht er kommentarlos ins Hinterzimmer. Kommt der hier her, um aufs Klo zu gehen? Nein, da hängt ein Zettel: „OTOMAT OYNAMAYANLAR LÜTFEN GIRMESIN!!! ZUTRITT NUR FÜR SPIELENDE GÄSTE GESTATTET!!!“ Aha.

Hätte gern noch eine Kaffee, aber die Bardame sitzt inzwischen an einem Gästetisch und schaut Fernsehen. Zeichentrick. Tom & Jerry, in einer Sprache, die ich nicht verstehe.

Jetzt kommt sie doch vorbei, ich bestelle: „Noch einen Bitte!“ und reiche ihr die leere Kaffeetasse. Sie bringt mir ein Bier. Wahrsteiner, 0,33l. Auch gut. Ich halte es für angebracht, jetzt keine Diskussion anzufangen, denn inzwischen ist der Raum voll mit sich lauf fremdsprachig unterhaltenden Männern und die sind alle nicht zur Vordertür reingekommen. „Dankeschön.“ Auf dem Glas ist ein Fußball abgebildet, eine weiß-blau-rote Landkarte und der Spruch „Russland Europameister 1960“. Auch ohne vertiefte Fußballkenntnisse ahne ich, dass da irgendwas nicht ganz stimmt.

Jetzt läuft vorn – außerhalb meines Sichtfelds – im TV Sport, unaufhörlich ist das klappern von Münzen oder Jetons zu hören. Wie komme ich nur darauf, dass das hier Kroaten sein könnten?

Scheinbar ist Grog das Getränk des Tages, jedenfalls trägt sie die Kellnerin inzwischen im Dauerlauf volle Groggläser zu den Jetonstaplern und leere zurück. Ob ich auch mal einen probieren sollte? Besser nicht, da war doch heute noch was mit einer Waschmaschine und einer Wohnung in der 5. Etage im Altbau.

Kommen die immer noch nicht? Dann bleibt Zeit, die Kellnerin genauer zu beobachten.

Meine erste Einschätzung „junge Dame“, war wohl eher übertrieben. Sagen wir lieber: „Mädchen“, denn ihr Gesicht hat noch die pausbäckigen Züge eines Teenagers. Sie hat lange schwarze Haare, zu einem sehr voluminösen Pferdeschwanz gebunden. Eine einzelne Strähne bleibt dabei frei und fällt ihr regelmäßig ins Gesicht. Sie trägt einen hautengen, pinken Pullover, darüber ein schwarze Kunstlederweste mit Fellkragen, dazu eine ziemlich enge, ziemlich ausgewaschene Jeans und kniehohe Stiefel mit mittelhohen Absätzen. Sicherlich keine überragende Schönheit, aber auch nicht unsexy. Dazu das einzige weibliche Wesen unter inzwischen bestimmt einem Dutzend, durchweg deutlich älteren, Männern. Sicher nicht einfach, wenn der Abend lang wird und der Grog weiter so fließt.

Anruf vom Umzugsfahrer: in 10 min ist er da. Dann werd ich mal langsam mein Bierchen austrinken und dann diese Parallelwelt wieder verlassen. War aber nett hier.

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