Projekt 52 – Woche 44 – Ich glaub´ ich steh´ im Wald

logo-rot-200-mit-hgp79x.pngSo richtig im Wald zu stehen glaubte ich vor 10 Jahren bei einer Kanutour durch Schweden. Wir waren in etwa dem Punkt der Tour, wo wir am weitesten von der Zivilisation entfernt waren. Per Kanu wäre man in beide Richtungen etwa 3 Tage unterwegs bis zur nächsten Siedlung. Auch zu Fuß quer durch den Wald wäre sicher auch nicht schneller gewesen. Zwar hatten wir Mobiltelefone dabei, aber auch um diese in Gang zu setzen war es meist nötig, eine möglichst unbewaldete Anhöhe zu besteigen. Und rund um diese Seen gab es zwar viele Anhöhen, aber kaum unbewaldete.

In dieser Situation entschloss sich mein werter Herr Bruder – er hatte schon damals eine Schraube locker – vom Kanu aus zu angeln. Zum Zwecke des Auswerfens musste er natürlich im dem schmalen Boot aufstehen, was bei einen ungeübten Angler schon einmal zum Kollabieren des labilen Gleichgewichtszustand führen kann.

Das Ergebnis war ein lautes Platschen und eine hastige Rettungsaktion – denn in voller Outdoor-Montur inkl. Bundeswehrstiefel kann man schon sehr schlecht schwimmen, geschweige denn aus eigener Kraft in ein Kanu klettern.

Die eher niedrigen Wassertemperaturen mittelschwedischer Seen im September erforderten außerdem ein zügig anzufachendes, großes Lagerfeuer. Daher bestand akuter Brennholzbedarf, weshalb ich – nachdem ich von der Rettungsaktion, die einer gewissen Situationskomik nicht entbehrte, ein paar Fotos gemacht hatte – hastig zur Axt griff.

Das „hastig“ hätte ich lieber bleiben lassen sollen, den nach ein paar Minuten Arbeit traf die Axt zwar noch das zu bearbeitende Stück Holz, aber zu schräg – und anschließend meinen Daumen. Zwei Umstände, die bei genauerem Nachdenken das Unglück erst veruracht hatten, trugen dann aber dazu bei, dessen Ausmaß in Grenzen zu halten. Denn der Schlag ging nicht durch, sondern wurde souverän vom Fingerknochen gestoppt.

Diese Umstände waren:

1. Ich bin ein miserabler Holzhacker. (Sonst wäre ich ja kaum abgerutscht. Anderseits: wäre ich ein guter Holzhacker, und trotzdem abgerutscht, wäre der Daumen jetzt ab.)

2. Die Axt war reichlich stumpf. (Sonst wäre ich ja kaum abgerutscht. Anderseits: wäre sie schafft gewesen, und ich trotzdem abgerutscht, wäre der Daumen jetzt ab.)

So blieb es bei einer üblen Fleischwunde, zu der meine Hausärztin später meinte, die hätte man dringend nähen müssen – aber jetzt nach fast zwei Wochen, mache das auch keinen Sinn mehr. Es folgten zwar ein paar schmerzdurchwachte Nächte, aber mein Status als Verwundeter hatte auch gewisse Vorteile:

  • Von den raren Alkoholbeständen, die mit dem Verfahren des Halbtonsaufens* rationiert wurden, bekam ich plötzliche spürbar mehr ab
  • Ich konnte die mir ungeliebte Position des Steuermanns verlassen und ganz relaxt in mittlerer Position einer mit Dreien besetzten Kanus weiterfahren.
  • Auch wenn sie es nie zugegeben hat, habe ich den dringenden Verdacht, dass mein Zustand und das natürliche Mitleid weiblicher Wesen dazu führten, dass eines der mitreisenden Mädchen noch heute regelmäßig in diesem Blog unter dem Pseudonym „die Herzdame“ erwähnt wird. (Oder sie war so beeindruckt davon, wie locker-verwegen ich diese Lappalie wegsteckte. Ha!)
  • Bei der Ankunft am Lagerplatz für die nächste Nacht konnte ich mich aus dem hektischen Gewusel aus Boote ausladen, Zelte aufbauen, Feuer schüren (vor allem: „Hack bloß kein Holz!“), etc. ein wenig heraushalten und statt dessen in den weichen Moosteppichen ein kleines Nickerchen machen, bis endlich das Essen fertig war

Zwar ist diese Foto in diesem Jahr in Irland entstanden. Irgendwie erinnert es mich aber total an mein Nickerchen im schwedischen Moos, die Umstände die dazu geführt hatten und die mehrere Portionen Glück, wegen der das alles heute ein lustige Anekdote ist, da nichts wirklich schlimmes passiert war.

Moos

*) Das Halbtonsaufen muss ich an anderer Stelle mal ausführlich erklären.

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