Zurück zu den Wurzeln – die Beirette vsn

Spätestens seit dem Kauf meiner Canon 400D hat mich die Fotografie völlig in ihren Bann gezogen. Aber ich hab schon vorher fotografiert, schon lange vorher. Meine erste Kamera war eine Beirette vsn, die ich jetzt beim stöbern in den Schränken meines alten Kinderzimmers wieder entdeckt habe.

Es muss ein gutes Stück vor der Wende gewesen sein, ich war etwa 8-10 Jahre alt, als ich zum ersten Mal Interesse an der Fotografie gezeigt habe. Und zwar offenbar so stark, dass alsbald bei einem Geburtstag oder zu Weihnachten die Beirette vsn auf dem Gabentisch lag.

Beirette vsn 1

Die Kameraserie „Beirette“ hat ihre Anfänge schon in den 1920ern, als der Feinmechaniker Woldemar Beier in Freital bei Dresden die „Freitaler Kameraindustrie Beier & Co“ gründete und dort später eine erste Kamera mit dem Namen „Beirette“ entwickelte. Vom Modell Beirette vsn wurden zwischen von der Nachfolgefirma VEB Kamerawerke Freital – seit 1959 Teil des VEB Pentacon – etwa 1,8 Mio Stück produziert. Sie war damit das erfolgreichste Modell der Serie und wurde exportiert. In Westdeutschland wurde sie u.a. unter dem Namen „Beroquick 135“ vertrieben.(Quelle)

Nimmt man die Kamera heute wieder in die Hand, wird man zunächst von dem geringen Gewicht überrascht, was vor allem daher kommt, dass sie 100%ig mechanisch funktioniert. Keine Elektronik und vor allem kein schwerer und im Zweifel leerer Akku sind notwendig. Mit 11 x 7,5 x 3 cm plus 3 cm Objektivlänge ist die Kamera auch erstaunlichen kompakt. Der Kamerabody ist ein robustes Metalgehäuse (wenn ich mich nicht täusche Aluminium), das zum Teil mit Leder verkleidet ist.

Das Objektiv ist eine 45 mm Festbrennweite mit einer Lichtstärke von f/2.8 mit der Bezeichnung „Meritar“ und ist fest verbaut. Es gibt drei drehbare Ringe, mit denen alle Einstellungen vorgenommen werden.

Am innersten, breiten Ring wird die Blende eingestellt. Es stehen die Blenden 2,8 bis 22 in ganzen Blendenschritten einstellbar. Die Blendenwerte stehen dabei an der linke Seite des Objektivs. Im oberen Bereich, den der Fotograf deutlich besser einsehen kann, sind dagegen vier Wettersymbole zu sehen, die mit den Blendenstufen korespondieren:
f/5.6 = dunkle Wolke
f/8 = helle Wolke
f/11 = verdeckte Sonne
f/16 = strahlende Sonne

Beirette vsn 4 Beirette vsn 6

Soviel zu: „Sonne lacht, Blende 8“.

Am mittleren Ring stellt man – links abzulesen – die Filmempfindlichkeit ein (hier in DIN und ASA angegeben, wobei ASA dem heute üblichen ISO entspricht) und – rechts abzulesen – und fest mit der Filmempfindlichkeit verbunden die Belichtungszeit. Möglich sind hier folgende Einstellungen:
1/125s, bei ASA 125 bis 100;
1/60s, bei ASA 64-50;
1/30s, bei ASA 32-25 (zusätzlich mit einem Blitzsymbol gekennzeichnet, also vermutlich die Blitzsyncronzeit) und
Bulb, das dann ohne ASA-Angabe.

Beirette vsn 5 Beirette vsn 6

Neben der für mich nicht ganz nachvollziehbaren festen Kopplung von Filmempfindlichkeit und Belichtungszeit fällt natürlich auf, dass die Kamera offenbar für recht niedrig empfindliche Filme konzipiert ist. Der Wert von ISO 125, der hier der höchst empfindliche ist, ist ja heute eher ein Einstiegswert am unteren Ende.

Der vordere Ring ist die eigentliche Linse, mit der die Entfernung zum Objektiv bzw. zur gewünschten Schärfeebene eingestellt werden kann. Die Einstellung erfolgt stufenlos von 0,6 bis 10 Meter und „Unendlich“. Fest am Objektiv sind – vom Einstellpunkt ausgehend – die wichtigsten Blendenwerte in aufsteigender Reihenfolge eingestanzt. Damit kann man dann die Schärfentiefe abschätzen:

Beirette vsn 3

Im Beispielbild ist also folgendes zu erkennen. Die Kamera ist auf eine Schärftebene in etwas mehr als einem Meter Entfernung fokussiert. Bei Blende f/8 wird alles im Abstand von 0,9 bis 1,2 m scharf sein.

Das ist schon alles, was den Fotografen beim fokussieren unterstützt. Denn ein Messsucher ist nicht vorhanden, von so etwas wie Autofokus ganz zu schweigen.

Beirette vsn 13

Apropos Sucher: Da es sich nicht um eine Spiegelreflexkamera handelt (hat man damals schon den Begriff „Kompaktkamera“ für solche Geräte verwendet?) geht der Blick durch den Sucher links oben an der optischen Achse des Objektivs vorbei, was man bei der Wahl des Bildausschnitts – vor allem bei geringen Abständen – bedenken sollte. Der in den Sucher eingelasse Rahmen scheint mir bei dieser Einschätzung nicht zu helfen.

Beirette vsn 8

Auf der Oberseite des Kameragehäuses fallen neben dem einfachen Blitzschuh vor allem der Schnellspanner, mit dem nach dem Auslösen der Film um ein Bild weitertransportiert wird, und die Kurbel zum zurückspulen des Films auf. Mit dieser Kurbel verbunden ist das Zählwerk, das Auskunft darüber gibt, wie viele Bilder des eingelegten Films schon belichtet wurden. Zieht man die Kurbel beim entnehmen des Films nach oben, springt der Zähler zurück auf „A“ wie Anfang.

Nun soll die Kamera hier nicht nur in ihren technischen Details beschrieben, sondern in der Praxis gestestet werden. Dafür bedarf es erst einmal einer inzwischen sehr ungewohnten Tätigkeit: Film einlegen:

Beirette vsn 9 Beirette vsn 10 Beirette vsn 11 Beirette vsn 12

Aus meinen analogen Zeiten hatte ich noch ein paar passende Kleinbildfilme herumliegen. Nicht nur wegen der für diese Kamera scheinbar zu hohen Empfindlichkeiten der vorhandenen Farbfilme (ISO 200 und ISO 800) entschied ich mich für einen Schwarz-weiß-Film mit ISO 125. Wenn schon Retro, dann richtig.

Nachdem ich den Fim eingelegt hatte, die Rückwand fest verschlossen war und das Zahlwerk eine „1“ anzeigte, kam die Kamera wieder zurück in ihre maßgeschneiderte Tasche, mit der sie am Stativgewinde fest verschraubt wird. So wird sie mich nun eine Weile begleiten.

Beirette vsn 14

Wollen wir doch mal sehen, ob ich es schaffe auch mit dieser einfachen Technik – ohne Autofokus, ohne Belichtungsmessung und digitale Bildbearbeitung – von den 24 Bildern ein oder zwei vorzeigbare zu produzieren.