Vorrücker und Verkleinerung – Gemeinderatswahl in Tübingen

Kommunalwahlen sind ja immer recht persönliche Angelegenheit, vor allem in Kommunen jenseits der Metropolen und Großstädte. Auch hier in Tübingen hatte es den Anschein, dass die wichtigsten Qualifikationen angehender Gemeinderäte sind:

1. hier geboren

2. das Kaff noch wie verlassen

3. Mitgliedschaft in möglichst viele Sport-, Kunst-, Fasnet- oder sonstigen Vereinen

Es mag ja sein, dass solche Leute die Interessen der „Ureinwohner“ leidlich vertreten, aber kaum die von Zugezogenen. Was ja durchaus ein gewisses Problem  in einer Stadt, in der permanent 20.000 Temporäreinwohner leben. Aber das nur am Rande.

Bei Kommunalwahlen werden als viel mehr Personen gewählt als Parteien. Somit ist das Ergebnis nach Parteien fast schon zweitrangig, viel wichtiger ist, wer tatsächlich einen Sitz im Gemeinderat erhält. So gesehen ist es eigentlich nur konsequent, das man als Wähler nicht einfach Listen wählen kann, sondern direkt die Kandidaten. Der Wähler kann also die Reihenfolge einer Liste ändern.

Und das ist hier in doch erstaunlichem Ausmaß geschehen. Bei der UFW (Unabhängige Freie Wählergemeinschaft), die noch 3 Sitze erhällt, ziehen nicht die Listenkandidaten 1 bis 3 in den Gemeinderat ein, sondern die Kandidaten der Listenplätze 6, 7 und erstaunlicher Weise 28. Ähnliches passierte auch bei der bei der bis-vor-kurzem-Schwestergruppierung WUT (Wählergemeinschaft Unabhängiger Tübinger). Deren zwei Sitze werden die Spitzenkandidatin und der Kandidat von Listenplatz 12 einnehmen. Genau so bei der Linken, dort rückt Kandidatin Nr. 11 auf den dritten der drei Sitze vor Damit, und auch durch die Verkleinerung des Gremiums von 48 auf 40 verlieren so einige ihre Posten, denen ich keine Träne nachweine – übrigens quer durch alle Parteien.

Über eine weitere Vorrückerin freue ich mich tatsächlich ganz besonders: Mit der gerade 19-jährigen Amely Krafft zieht ein Stück Jugend in den Gemeinderat ein, und das ist auch bitter nötig – bisher war die Alterstruktur im Rat tendenziell umgekehrt zu der der Bevölkerung. Entsprechend waren die (wenigen) Alten eher überrepräsentiert. Nun ist natürlich Jugend an sich auch kein Qualitätskriterium, aber ich habe die junge Dame – damals noch in ihrer Funktion als Vorsitzende des Jugendgemeinderats – als jemanden erlebt, der sich auch die Argumente der Gegenseite anhört und ernst nimmt. Und vor allen hatte ich den Eindruck, dass sie sich bewusst war, nicht genug zum Thema zu Wissen, um jenseits von Bauchgefühl und Wünscheswertem zu entscheiden. Und genau das habe bei vielen erfahren Gemeinderäten oft schmerzlich vermisst.

Man wird sehen, ob aus ihr mehr wird als eine stumme Abnickerin der Fraktionsmeinung, ob sie eigene Akzente setzen kann. Ich drücke ihr jedenfalls die Daumen und bin gespannt wie sich im Gemeinderat schlagen wird. Und ich hoffe, dass sie nicht in den Mühlen einer untergehenden Partei aufgerieben wird. Denn das ist das große Kontra, die ist in der SPD – in der Partei die Hartz IV, die Voratsdatenspeicherung und viele andere Schweinereien zu verantworten hat. Auf ihrem Facebook-Profil bezeichnet sie sich als Fan der SPD und subsummiert diese unter „Gemeinnützige Organisation“ – „Gemeingefährlich“ wäre wohl passender 😉

Nun noch ein paar Worte zum Ergebnis jenseits von Personen:

Tübingen ist noch einmal ein Stück grüner geworden. Die Partei legte als um 6,4% zum und landet bei 32,9%. Damit kann sie trotz der Verkleinerung des Rates zwei Sitze gewinnen.

CDU, SPD und die Linke stagnieren und verlieren damit Sitze. Irgendwie passt das auch zum Auftreten dieser Parteien im Wahlkampf. Außer mit den üblichen Allgemeinplätzen und der Positionierung zu einer geplanten Straßensperrung sind sie mir nicht aufgefallen.

Die beiden „Unabhängigen“ erhalten die Quittung für ihren kleinliche Schwesternstreit. Irgendwann im letzten Jahre war ihre Fraktionsgemeinschaft zerbrochen (warum auch immer, ich weiß es nicht). Damit war die bis dahin zweitstärkste Fraktion Geschichte und nun versinken beide Gruppierungen in der Bedeutungslosigkeit. Schade drum ist´s meiner Meinung nicht, ich hatte den den Eindruck, bei beidn handelte es sich weitgehend um Opportunistenvereinigungen.

Auf niedrigem Niveau leicht zulegen kann die FDP, was wohl eher an ihrem lokalen Spitzenkandidaten als am grundsätzlichen Erfolg ihrer neoliberalen Ideologie (*hust-hust*) liegen dürfte. Sie rettet damit ihre drei Sitze in den verkleinerten Rat.

Mit dieser Sitzverteilung

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und den zum Teil recht überraschenden Personalien dürfte die Tübinger Lokalpolitik jedenfalls unterhaltsam bleiben.

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