Beobachtungen eines Wahlhelfers

Vor ein paar Wochen erhielt ich – interessanter Weise über meinen Arbeitgeber – Post von der Stadt Tübingen, mit der ich zum Wahlhelfer verpflichtet wurde. Die genannten Ausreden trafen allesamt nicht zu, und außerdem macht man ja wirklich gerne 😉

Bei der telefonischen Rücksprache mit dem Leiter des Wahllokals wurde ich dann gefragt, ob ich die Früh- (8-13 Uhr) oder Spätschicht (13-18 Uhr) übernehmen wolle. Ich entschied mich für die Frühschicht und stand darum heute morgen Viertel vor Acht voller Tatendrang vor dem Wahllokal. Zeitgleich traf auch der Wahlleiter ein, der mit einem schnellen Blick auf seine schlaue Liste feststellte, dass ich für den Nachmittag eingeteilt war.

Da war wohl etwas mit der Diensteinteilung gründlich schief gelaufen, ich ging erstmal ziemlich angefressen wieder heim und machte mir noch einen Kaffee.

Bis Mittag hatte sich mein Ärger wieder gelegt, schließlich macht ja jeder mal einen Fehler – und so ganz konnte ich auch nicht ausschließen, dass es mein Fehler war.

Vorteil der Nachmittagsschicht war natürlich, dass man den ganzen Ablauf erstmal als Wähler erlebt, und damit jede weitere Einweisung obsolet wird. Der Nachteil war, dass ich (ausgebildeter Logistiker) bei der Einrichtung des Wahlraums nicht zugegen war. Durch die äußerst ungünstige Anordnung der Arbeitsplätze gab es zeitweise recht chaotisch Abläufe durch wilde Verknotung der drei Warteschlangen (Ausgabe der Wahlunterlagen, Wahlkabinen, Urne). So mancher Wähler musste dadurch deutlich länger warten, weil er sich ob der Unüberischtlichkeit erstmal falsch angestellt hatte.

Außerdem gab es mindestens zwei signifikante Gruppen, die durch bürokratischen Irrsinn um ihr Wahlrecht gebracht worden:

Die erste Gruppe waren die in Deutschland lebenden EU-Ausländer. Die hatten (von wem auch immer) ein Schreiben erhalten, mit dem sie darauf hingewiesen wurden, dass sie einen Antrag stellen müssten, um ihr Wahlrecht bei der Europawahl auszuüben. Viele dachten – und das hätte man auch erwarten können – mit diesem Schreiben hätten sie notwendigen Unterlagen in der Hand.

Die zweiter, und weitaus größere Gruppe waren in den letzten drei Monaten neu zugezogene – denen pauschal das Wahlrecht bei der Kommunalwahl verweigert wurde. Nun muss man wissen, dass in Tübingen bis vor kurzem sehr viele Studenten lediglich mit Zweitwohnsitz angemeldet waren. Dies änderte sich, als die Stadt im Anfang des jahres eine Zweitwohnsitzsteuer einführte diese aber erst ab ab Mai auch einforderte. Viele meldeten sich daraufhin mit Erstwohnsitz hier an und brachten sich so selbst um ihr Wahlrecht bei der Kommunalwahl. Den zu Beginn des Sommersemesters neu Zugezogenen erging es nicht besser.

Pünktlich um 18 Uhr wurden die Türen geschlossen, zu diesem Zeitpunkt war „die Bude voll“. Alle, die drin waren, konnten ihre Stimme noch in aller Ruhe angeben. Einer kam – zwar sehr knapp, aber tatsächlich – zu spät. Da halb auch kein wütendes klopfen, die Tür blieb zu. Er ließ sich den Namen des Wahlleiters nennen und kündigte Beschwere an. Die Entscheidung war m.E. aber korrekt.

Anschließend wurde zunächst die Europawahl ausgezählt. Dazu wurde zunächst die Wahlzettel durchgezählt und mit der Zahl der abgegebenen Stimmen laut Wählerverzeichnis abgeglichen, dann wurden die Ungültigen aussortiert, die gültigen nach gewählter Liste sortiert und die einzelnen Listen gezählt. Nach nicht einmal 1 1/2h stand unser Ergebnis fest, und wenn Wahlen überall so ausgehen würde, wäre dieses Land doch um einiges lebenswerter:

Bild 2.png

Hier die Ergebnisse für Tübingen insgesamt, Baden-Württemberg und bundesweit.

Morgen wird dann die Kommunalwahl ausgezählt, ich bin gespannt.

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