Freitags ist immer etwas voller

Sinnentleertes Bahnbashing ist nicht so mein Ding. Einerseits kann ich durch meine Arbeit in der ÖPNV-Branche für gewisse Fehler und unschöne Zuständnisse ein gewisses Verständnis entwickeln. Weil ich weiß, dass man doch hin und wieder trotz guten Willens an Rahmenbedingungen scheitert, die man selbst kaum oder nicht beeinflussen kann. Außerdem kenne ich einfach ein paar Hintergründe und kann mir zumindest bei gewissen Pannen den Grund denken, während der normal Fahrgast mit einen großen Fragezeichen im Hirn zurückbleibt. Wenn ich also an der Bahn rumkritisiere, dann muss der Vorfall (zumindest aus meiner Sicht) schon wirklich übel gewesen sein, tatsächlich nicht hinnehmbar oder zu entschuldigen.

Nun, wegen der Entgleisung eines Zuge auf der Kölner Hohenzollernbrücke hat das EBA angeordnet, die Flotte öfter in Revision zu schicken. Anscheinend so oft, das man den ICE-Verkehr auch gleich ganz einstelln könnte, denn heute ging gar nichts mehr. Und mit Sicherheit, die ja „immer vor geht“ hatte das auch nichts mehr zu tun, wenn sich die Reisenden in den Zügen wie die Ölsardinen drängeln.

Es würde sich sicherlich lohnen, hierzu mal genaue Hintergründe zu recherchieren, z.B. ob hier mangende Wartung seitens der Bahn ursächlich ist oder ob sich die Bahn hier ziemlichen Klump von Siemens/Bombardier hat andrehen lassen. Aber auch ob die Reaktionen des EBA angemessen sind, oder ob man hier überreagiert – um im Falle des Falles gegenüber der Öffentlichkeit aus dem Schneider zu sein. Denkbar wäre auch, dass im EBA – das ja zu Staatsbahnzeiten in die damalige Bundesbahn integriert war – ein paar frustrierte Beamte sitzen, die den alten Strukturen nachtrauern und – aus eigenem Antrieb oder von außen politisch beeinflusst – mit diesen ggf. überzogenen Reaktionen der Bahn AG gezielt schaden wollen.

Um all diese „obs“ und kruden Verwörungstheorien soll es hier nicht. Schon deshalb nicht, weil ich gerade im Zug sitze und kein Zugang zum Internet habe, als weder googeln, geschweige denn recherchieren kann. Und das wäre wohl auch so einfach nicht zu machen. Nein, hier geht es leider darum, wie die Bahn, oder besser einzelen Organisationseinheiten oder Mitarbeiter mir der Krise umgehen.

Krise? Finanzkrise? Nein. Vielleicht eine kurze Situationsbeschreibung für meine automobilen Leser. Wie erwähnt kann etwa die Hälfte der ICE3-Flotte derzeit nicht eingesetzt werden. Diese Triebzüge können entweder einzeln, oder in Doppeltraktion – also zwei Triebzüge gekoppelt – fahren. Auf bestimmten Strecken und zu bestimmten Zeiten wird diese Doppeltraktion dringend gebraucht, den die Züge sind rappelvoll. Da aber die Hälft der Züge nicht einsatzfähig ist, fahren derzeit alle Züge nur mit einem Zugteil. Das Ergebniss ist klar: Verspätungen bauen sich auf, weil die Zeit für den Fahrgastwechsel sich in Richtung unendlich entwickelt. Außerdem bleiben Fahrgäste zurück, irgendwann ist halt voll.

So auch ich. Soweit, so vorhersehbar.

Vollkommen unbegreiflich war mir aber, dass die Dame am Schalter des Reisezentrums Stuttgart – das ich ansteuerte um meine Reservierung auf einen IC umzubuchen – mir gut gelaunt erklärte:

„Ja, freitags ist immer etwas voller.“

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