Ganz Loretto eine Klinik?

Angefangen hat es mit Sportstadien und Veranstaltungshallen. Die heißen plötzlich nicht mehr Volksparkstadion oder Betzenberg, sondern Versicherungsfritze-Arena oder Telefonbuden-Welt. Drüben bei Spreeblick wurde das Thema auch mal wieder angeschnitten, und dort wird richtig der Zweck solcher Umbenennungen beschrieben:

Die Allianz-Arenen und O2 Worlds dieser Welt zwingen jede Berichterstattung, jeden Veranstaltungshinweis zur Erwähnung der Markennamen und damit zur kostenlosen Werbung und sorgen für den schleichenden Einzug der Markennamen in den allgemeinen Sprachgebrauch.

Ich versuche mich dem möglichst zu verweigern, denn wenn ich schon für irgendwen Werbung machen soll, möchte wenigstens dafür bezahlt werden

Leider findet dieser Ausverkauf der öffentlichen Sprache auch in Tübingen, wo man sich ja grundsätzlich für sehr alternativ und was ganz besonderes hält, bereits statt. Die lokale Turnhalle, wurde nicht – wie ich zunächst vermutet hatte – nach einem mehr oder minder bedeutenden Sohn der Stadt benannt, sondern nach einem örtlichen metallverarbeitenden Unternehmen

Nochmals leider gehört es zu meinen beruflichen Aufgaben, bei Veranstaltungen in dieser Halle Shuttleverkehre zu organisieren und auch entsprechende Fahrgastinfomationen zu erstellen. Nun würde ich gerne auch dort statt des offiziellen, aber nur gekauften Namens alternative Bezeichnungen verwenden. Doch es wäre sicherlich mindestens eine Abmahnung wert, wenn plötzlich auf den Fahrplänen der Name „Metallklitschen-Turnhalle“ auftauchen würde.

Auch in der ÖPNV-Branche selbst gibt es derlei Tendenzen auch, vorgemacht haben es die Stadtwerke Bonn, die verkaufen die Namensrechte ganzer Linien, weshalb man das zweifelhafte Vergnügen hat in magentafarbenen Fahrzeugen mit dem ex.Bundespost-Express in Richtung Siegburg zu zuckeln.

Zurück nach Tübingen und zum eigentlichen Thema dieses Artikels:

Hier gibt es ein nettes kleines Stadtviertel namens Loretto, eine ehemalige Kaserne – und abgesehen davon, dass es dort keine, und falls doch, keinen bezahlbaren Wohnraum gibt, ist es da wirklich sehr chic. Dort steht die Volkshochschule, eines der viel zu wenigen guten Hotels, ein Tanz- und Kulturzentrum, viele kleine Läden und Gewerbetriebe – und auch eine chirurgische Privatklinik, die heißt sinnvoller Weise „Loretto-Klinik“.

Auf deren Betreiben hin wurde im letzten Jahr die wichtigste Bushaltestelle des Viertel von „Katharinenstraße“ in „Loretto“ umbenannt. Damit weicht man natürlich vom bewährten Prinzip ab, Haltestellen soweit wie möglich nach der den Linienweg an dieser Stelle querenden Straße zu benennen, ab. Aber sei es drum, so verkehrt ist das gar nicht. Gut Idee, als sind glücklich.

Zumindest fast. Denn jetzt – der nächste Fahrplanwechsel und damit die Chance auf Umbenennungen steht an – möchte die Klinik eine nochmalige Umbenennung der Haltestelle, der Zusatz „-Klinik“ fehle. Die Argumente waren grob zusammengefasst: Wir sind wichtig, wir haben viele Besucher, wir haben einen öffentlichen Versorungsauftrag und andere Tübinger Kliniken haben auch ihren Namen als Haltestelle. (Mit dem Unterschied, das die angesprochene Klinik quasi auf der Grünen Wiese steht und in weitem Umkreis einfach nichts da ist, nach dem man die Haltestelle benennen könnte, nicht mal eine Querstraße.) Und gerade dieses Argument zeigt ja deutlich, dass es hier um kommerzielle Interessen geht. Aber dann könnte man wenigstens man anbieten, die Namensrecht zu kaufen, und nicht billig über eine politischen Beschluss sein Ziel zu erreichen.

Die Sache wurde heute im Verkehrsbeirat diskutiert, und für mich unerwartet gab es eine Mehrheit für die Umbenennung. nach längerer sinnbefreiter Diskussion, mit welchen Sonderzeichen man diese schleichende Kommerzialisierung der Sprache zumindest ein wenig kaschieren könnte. Lediglich die Bemerkung eines offenbar im Loretto wohnenden Gemeinderats, dass die Anwohner dagegen seien, und zwar „alle!“, führte zu einer Quasi-Vertagung der Angelegenheit. Der Beschluss erging als Empfehlung an den Südstadtausschuss, der dann nächste Woche entscheiden soll. Ich bin gespannt.

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