Aussem Paradies – Darf Theater Spaß machen?

Ich gehe nicht oft ins Theater. Ich habe nichts gegen anspruchsvolle Unterhaltung, doch sollte bei allem Anspruch auch ein wenig Unterhaltung übrig bleiben. Denn in meiner knapp bemessenen Freizeit möchte ich Sachen tun, die mir Spaß machen. Doch schon der Komödiant Kurt Krömer legte – zu Recht – einer imaginären Theaterlehrerin folgenden Satz in den Mund

„Wir machen das hier doch nicht zum Spaß. Wir machen hier großes Theater, epochales Theater, ja monumentales Theater möcht´ich fast sagen. Hier geht es um Liebe, Schmerz und ganz wenig Hoffnung.“

Vielen Dank, ganz wenig Hoffnung brauch ich nicht auch noch am Wochenende.

Letztes Wochenende war es mal wieder so weit, mit meinen Gästen machte ich mich auf zum Tübinger Sommertheater. Geboten wurde eine Stadtgeschichte namens „Aussem Paradies“, gespielt von Theater Lindenhof aus Melchingen.

Als jemand, der sich weder in der Region noch in der Theaterszene nicht sonderlich gut auskennt, wird man erst mal stutzig. Melchingen? Ist das nicht so ein kleines Kaff oben auf der Alb? Ein Dorftheater also, wird wohl ´ne feine Gurkentruppe sein.

Gegen diese These sprach, dass in sämtlichen lokalen Medien im Vorfeld nicht versäumt wurde, per Zitat auf eine, sogar wohlwollende, Rezession in DER ZEIT hinzuweisen. Zwar stand hier immer wieder das gleiche Zitat, auch die Texte ähnelten sich doch insgesamt recht stark – wahrscheinlich wurde da immer wieder die gleich Pressemitteilung ausgequetscht. Trotzdem, eine Dorf-Gurken-Truppe schafft es wohl eher nicht bis in DIE ZEIT.

So fand ich mich also Samstag am frühen Abend oberhalb des Französischen Viertels wieder, einen Rotwein schlürfend harrte ich der Dinge die da kommen mochten. Was kam war eine fast 90-minütige Wanderung durch das ehemalige militärische Übungsgelände, das die Melchinger Theaterleute nun zur Bühne gemacht hatten. Und darin, um es gleich vorweg zu nehmen, lag auch die eigentliche Stärke des Stücks. Man saß eben „…nicht in einem muffigen, dunklen Saal und starte auf leblose Bretter…“, wie das übliche Theater im Prolog beschrieben wurde, sondern war in der Natur unterwegs mittendrin im Geschehen des Stücks. Die Ankündigung, das Publikum ins Stück einzubeziehen wurde aber letztlich nur in Ansätzen verfolgt*, hier hätte man deutlich mutiger sein können, Aber es beeindruckte, wie gut die Orte, sei es durch ihre Topografie, ihre Fauna oder auch ihre Geschichte zu den jeweiligen Szenen passte.

(*Anekdote am Rande: In einer Szene, bei der ein einer Ausländerin die Einreise in das Land ihres Geliebten verwehrt wird, wurde doch noch ein Zuschauer in „Hauptmann-von-Köpenick“-Art aktiv und entwaffnete im Handstreich die Soldaten. Dieser Zuschauer war mein Vater, bei dem ich eigentlich Sorgen hatte, ob er so ein Theaterstück überhaupt besuchen möchte. Es wurde dann von den Schauspielern gefragt, an welchem Haus er den spiele… )

Quer durch die Menschheitsgeschichte, wurde vom Finden, Verlieren und Suchendes Paradieses erzählt, durchaus ernster Stoff, angereichert von Zitaten quer durch die Kunstgeschichte, aber auch ein Lacher hier und da war drin. Um das Grundthema Paradies wurden so weitreichende Aspekte wie Religion, Gleichberechtigung, Krieg und Vertreibung, Kapitalismus und was weiß ich alles noch angesprochen. Ein bunter Strauß von Themen, von denen man aus jedem einzelnen ein eigenes Stück hätte machen können, was ich: sollen. Denn so, mit dem Versuch, alles mögliche anzusprechen, blieb es genau dabei. Keines der Themen wurde erschöpfend behandelt, der Zusammenhang zwischen den Szenen ging verloren.

Nach dem Rundgang durfte man dann doch noch Platz nehmen, und zwar in der ehemaligen Panzerhalle im Franz. Viertel. Hier wurde es dann auch deutlich „theater-mäßiger“ und damit auch weniger interessant. Hinzu kam, dass die Inhalt nun doch sehr „verkopft“, grüblerisch und intellektuell sinnierend wurden. Die Handlung wich weitgehend einer Aneinanderreihung von Monologen. Monologe über das Wesen der Stadt, was zwar durch den Untertitel „Eine Stadtgeschichte“ zu erwarten war, allerdings fehlten mir hier dann doch sehr der Bezug zu den Waldszenen. Auch das Französische Viertel, das laut Ankündigung ja Inspiration zu dem Stück gewesen sein soll, spielte insgesamt – außer als Veranstaltungsort – kaum eine Rolle. Anders als der angrenzende Wald, das ehemalige Übungsgelände der ehemaligen Kaserne. Über dessen Geschichte hat man einiges erfahren, nur ist der Wald eben nicht die Stadt.

Diesen wenigen Kritikpunkten meinerseits steht aber ein überwiegend positiver Gesamteindruck gegenüber. Ohne dass auf Anspruch, die Ansprache einiger „ernster“ Themen und auch hier und da eine kleine Provokation verzichtet werden musste, bin ich an diesem Abend gut unterhalten worden. Die Lindenhöfer haben gezeigt: Theater, auch ernsthaftes, darf Spaß machen.

Könnte sein, dass ich hin und wieder eines ihrer Stück anschauen werde.

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