Vorbilder

Die Beziehung zu Vorbildern ist meist einseitig. Man schaut zu Ihnen auf, bewundert sie, orientiert sich an ihrem Handeln oder Denken. Man wird aber von ihnen selbst meist nicht wahrgenommen.

1997 hatte ich, direkt nach dem Abitur und der kleinen Überraschung, das sich die Bundeswehr nicht für mich interessierte, einen der wohl kürzesten Versuche eines Chemie-Studiums hingelegt. Neben der grenzwertüberschreitenden Ammoniakkonzentration in der Laborluft (äähm, Luft?) dürften die als Lucky Streik bekannt gewordenen Ereignisse einen nicht unwesentlichen Einfluss auf das schnelle Ende dieser akademischen Laufbahn ausgeübt haben.

Aber obwohl ich in den folgenden Monaten in diversen Nebenjobs gar nicht mal so schlecht verdiente (im Vergleich zu nix sind auch 10 Mark die Stunde „gar nicht mal so schlecht“) war klar, das ich im folgenden Oktober wieder ein Studium beginnen würde. Student zu sein, so meine damalige Ansicht, hatte vor allem den Vorteil, dass man nicht zu Hause wohnen musste und dass man Zugang zum Internet hatte.

Nur was bloß studieren? Den Mangel naturwissenschaftlichen Talents hatte ich ja gerade eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass es mit der Mathematik nicht besser bestellt war, war mir auch ohne einen entsprechenden Versuch klar. Also würde ich wohl kein Ingenieur werden. Die Geisteswissenschaften hatten den Ruf, eine sichere und lang anhaltende Arbeitslosigkeit zu garantieren. Blieb also eigentlich nur die Wirtschaft, aber wer wollte schon ernsthaft BWL studieren? Das machten doch alle, oder besser: alle, denen nichts besseres einfiel.

Nun wollte es der Zufall, dass mich der bereits erwähnte „Lucky Streik“ zu einer großen Demo nach Dresden führte. Der Campus dort gefiel mir sofort, besonders die in der Mensa untergebrachte Bierstube, die später tatsächlich eine meiner Stammkneipen werden sollte.

Der Studienort stand also fest, und nach den o.g. umfangreichen Ausschlüssen blieben nicht mehr allzu viele Studiengänge zur Auswahl. Die Wahl fiel letztlich auf Verkehrswirtschaft. Das klang, was den Fächerkanon anging, noch halbwegs machbar. Es war zwar ein wirtschaftlicher Studiengang, aber das Stigma „BWLer“ blieb mir zumindest erspart. Naja, und Verkehr gibts sowieso immer…

Mit diesem Beweggründen, in dieser Gemütsverfassung begann ich also mein (zweites) Studium. Rückblickend betrachtet fehlte mir damals vor allem eines: Orientierung.

Die meisten Vorlesungen des Grundstudiums waren Massenveranstaltungen zusammen mit den anderen wirtschftlichen Studiengängen. Die Lehrenden waren entweder profilierungssüchtige Selbstdarsteller oder zeigten ihr Desinteresse an der Lehrtätigkeit überdeutlich (z.B. in dem sie durch Abwesenheit glänzten und frisch diplomierte Assistenten die Vorlesung schmissen). Sie boten bestenfalls die notwendigen fachlichen Inhalte, jedoch keinesfalls Orientierung.

Glücklicher Weise geriet ich aber an die richtigen Kommilitonen und so auch in das Umfeld der „ÖPNV-Studenten“. Dort gab es noch Professoren vom alten Schlage, die auch an ihren Studenten als Perönlichkeit interessiert waren, und die tatsächlich etwas geleistet hatten in ihrer Laufbahn, sich die Bezeichnung „Koryphäe“, mit der sie vor allem von ihren Mitarbeitern bedacht wurden, tatsächlich verdient hatten.

Einer davon war Prof. Rüger. Zwar hatte ich nie das Vergnügen, an einer seiner Vorlesungen teilzunehmen, da er gerade in den Ruhestand ging, als ich endlich das Hauptstudium erreicht hatte. Dennoch war sein Einfluss auf die Inhalte, die Lehrmethoden und „den Geist“ an der Verkehrsfakultät, besonders natürlich in seinem Fachgebiet, Bahn und ÖPNV, spürbar.

Sein Lehrbuch „Betriebstechnik des städtischen Nahverkehrs“, obwohl der Inhalt ja auch Stoff der Vorlesung und dazu absolutes Grundlagenwissen war, war nicht nur Pflichtlektüre, man musste es einfach im Regal haben. Was der Bibliothek Einnahmen aus Säumnisgebühren in nicht unwesentlicher Höhe bescherte. Auch die am Campus ansässigen Copyshops profitierten von dieser studentischen Ehrbezeugung.

Legendär war auch die Übung der von ihm für diese Zwecke eingeführte „ungarischen Methode“ zur Optimierung der Umlauf- und Dienstplanung – wie eh und je mit Bleistift und Papier. Ja, mit Excel geht das auch, aber dann versteht man es nicht…

Letztlich ist es nicht leicht rational zu erklären, warum Prof. Rüger zu einem Vorbild wurde. Viel Wissen hatten auch andere, Auszeichnungen, Titel, akademische Reputation, all das war nicht das Entscheidende. Prof. Rüger hatte Persönlichkeit, das wurde sogar unserem Jahrgang noch deutlich, der ihn nur mittelbar, also über seine alten Mitarbeiter, über Lehrmethoden und -Inhalte, und nicht zuletzt über die vielen Anekdoten, kennen lernen konnte. Und damit bot er uns auch Orientierung.

Ein paar Jahre später hatte ich das Vergnügen, Prof. Rüger doch noch persönlich kennenzulernen. Es galt, Erfahrungen aus einem vergangenen Projekt auf ein zukünftiges, mit dem sich meine Diplomarbeit beschäftigte, zu übertragen. Zufällig hatte Prof. Rüger an jenem Projekt mitgewirkt. Und nun kam die Koryphäe meines Fachgebiets, das Vorbild von uns ÖPNV-Studenten fünf Jahre nach seiner Emeritierung mal wieder an die Uni, um sich mit mir kleinem Studenten darüber auszutauschen. Es wurde ein sehr aufschlussreiches Gespräch, nicht nur in fachlicher Hinsicht. Der „Herr Professor“ zeigte auch, dass er zwar Vorbild sein konnte, diese Beziehung aber keine Einseitige bleiben musste.

Prof. Siegfried Rüger ist am 19. September 2007 verstorben.

Nachruf der Fakultät Verkehrswissenschaften „Friedrich List“

Ein Kommentar zu “Vorbilder

  1. Hallo Lars,
    für jemanden, der Prof. Rüger in seinen Vorlesungen nicht selbst erlebte, hast Du ihn sehr treffend beschrieben.
    Ein Professor vom „alten Schlage“ war er tatsächlich, wenn er in seinem kreidestaubbedeckten und nicht mehr ganz weißen Kittel vor uns trat, um folglich mit lauter Stimme seine Theorien zu verkünden. In 45 Minuten schrieb er die gesamte Tafel voll, um uns anschließend eine Fünf-Minuten-Pause zu gewähren. Das gab es nur in seiner Vorlesung, ansonsten wurde 90 Minuten durchgezogen. Diese Pause sollte allerdings in erster Linie nicht unserer Erholung dienen, sondern einziger Zweck war es, dass der Professor (selbst natürlich!) die Tafel reinigte, um die folgenden 45 Minuten widerum voll ausschöpfen zu können. Auch eine solche Anekdote…

    Seit einer Woche steht seine rote Fibel auf meinem Schreibtisch.

    Tom (Studienjahrgang 1984)

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