Tarifamok bei den Lokführern

Es gab also einen Tarifkonflikt bei der Eisenbahn. Die Gewerkschaften (jedenfalls zwei von drei) stellten ambitionierte Forderungen. Die Gegenseite stellte sich zunächst stur, es wurde ein wenig warngestreikt, man verhandelte lange und hart. Und am Ende konnte man mit tiefen Augenringen einen Kompromiss verkünden, mit dem beide Seiten gut leben können: 4,5% mehr Geld, klingt vernünftig. So weit so gut, man kennt das ja aus anderen Branchen.

Merkwürdig war allerdings schon, das Transnet und GDBA ausschließlich mit einem einzigen Unternehmen (wenn auch mit dem größten der Branche) verhandelt habe. Und offenbar auch nur – verbessert mich, wenn ich es nur nicht mitbekommen habe – Unternehmen des DB-Konzerns bestreikt wurden.
Denn auch wenn weite Teile der Öffentlichkeit das Eisenbahnbahnwesen als Einheit wahrnehmen, und zwar in Gestalt von „der Bahn“, – in schlimmen Fällen ist sogar immer noch von „Bundesbahn“ die Rede, gemeint ist dann wohl die DB AG – ist dem mitnichten so. Laut Eisenbahnbundesamt gibt es im Moment 353 Eisenbahnverkehrsunternehmen (davon sind 279 im Personenverkehr tätig) und 159 Eisenbahninfrastrukturunternehmen. Achtung: Die beiden Links führen zu .xls-Dateien, etwas anderes bietet das EBA offenbar nicht an.
Man fragt sich also, was mit nun mit den Beschäftigten passiert, die in Unternehmen arbeiten, die nicht zum DB-Konzern gehören. Wurden die etwa von Transnet und GDBA vergessen, oder fühlt man sich für die nicht zuständig. Aber das nur am Rande.

Denn da ist ja noch die GDL, die Gewerkschaft Deutscher Lokführer, und die macht bei diesem Kompromiss nicht mit, sondern fordert kühn satte 31% Lohnsteigerung. Auch diese Gewerkschaft verhandelt offenbar nur mit der DB AG, außerdem vertritt sie nur eine kleine Berufsgruppe und ist sich auch nicht zu schade, trotz gerichtlicher Verbote zu streiken.

Die Gehaltforderung lässt aufhorschen, fasst 1/3 mehr Lohn zu fordern, da muss man schon ein gute Begründung liefern. Die GDL argumentiert hier, dass Lokführer vergleichbar komplexe Aufgaben und Verantwortung wie Piloten von Verkehrsflugzeugen hätten und daher auch ähnlich entlohnt werden müssten. Für den Laien klingt das nachvollziehbar, schließlich passen in einen ICE und ein Verkehrsflugzeug ungefähr die gleiche Anzahl Passagiere, die dann durch den Lokführer/Piloten zuverlässig und vor allem sicher zu befördern sind.
Wer aber nur ein kleine wenig weiß, wie Eisenbahn funktioniert, erkennt schnell, dass das ziemlich an den Haaren herbei gezogen ist. Die Sicherheit wird bei der Eisenbahn vorrangig durch technische Einrichtungen gewährleistet. Schläft ein Lokführer während der Fahrt ein, wird der Zug binnen einer Minute automatisch gestoppt, gleiches passiert beim Überfahren von Haltesignalen. Allein schon auf grund der langen Bremswege kann der Lokführer im Fall des Falles meist nichts mehr tun, wenn vorher die technischen Sicherungen versagt haben. Wenn also jemand einen Sicherheitsbonus in der Lohntüte spüren sollte, dann die Ingenieure, Techniker und  Stellwerker.
Aber geschenkt, die GDL vertritt eben nur die Lokführer. Und da kann man ja auch schon mal unseriös auf den Putz hauen. Und ganz nebenbei die verschiedenen Berufgruppen gegeneinander ausspielen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die Gewerkschaftsfunktionäre hier massiv gegen die Interessen der eigenen Mitglieder handeln. Denn deren erstes Interesse ist sicherlich, nicht den Job zu verlieren.
Nun ist aber der Wettbewerb, zumindest im Personennah- und Güterverkehr, längst keine Theorie oder Zukunftsvision mehr. Er findet statt. Und die Konkurrenten der DB haben heute schon ein niedrigeres Tarifniveau. Ein Vertreter der hiesigen DB Regio-Niederlassung sagte mir heute sinngemäß, das sich die DB dann (also wenn sich die GDL mit ihrer 31%-Forderung durchsetzten sollte) an kommenden Ausschreibungen gar nicht mehr beteiligen braucht. Im übrigen freut er sich sehr über 4,5% mehr Gehalt…
So würde die DB nach und nach immer mehr Leistung verlieren, was natürlich recht schnell auf den Bedarf nach Fahrpersonal durchschlagen dürfte. Die Lokführer würden sicherlich nicht arbeitslosbleiben, denn die Ausschreibungsgewinner brauchen ja auch Lokführer. Doch dann werden sie nicht 1/3 mehr verdienen als heute, sondern eher ein ganzes Stück weniger.
Für weniger qualifizierte Berufgruppen (die ja nicht von der GDL vertreten werden) könnt das ganze noch viel schlimmere Folgen haben.

Das, was die GDL da treibt, kann man somit ruhigen Gewissens als Amoklauf von ein paar machtgeilen Gewerkschaftsfunktionären zusammenfassen. Ziel des Ganzen ist es wohl kaum, die Situation der eigenen Mitglieder zu verbessern, oder berechtigte Forderung nach Beteiligung der Mitarbeiter am wirtschaftlichen Erfolg durchzusetzen. Wie das geht, haben Transnet und GDBA gezeigt. Aber diese sind der wirkliche Gegner der GDL.
Auf der Strecke bleiben dabei die Mitarbeiter (und zwar alle Berufsgruppen), das Unternehmen, und im Falle weiterer Streiks auch die Kunden.

Am Freitag wird nun wieder verhandelt. Und die DB AG tut gut daran, sich hier auch keinen Millimeter über den Transnet/GDBA-Kompromiss zu bewegen. Aber eine Besserstellung einzelner Berufgruppen würde seine Belegschaft
noch tiefer spalten. Das kann Mehdorn nicht wollen und das wäre auch
falsch. Von der oben beschrieben Schwächung seines Konzerns im Wettbewerb ganz zu schweigen.

Einfach wird das nicht, und wahrscheinlich werden die GDL-Betonköpfe auch weiter streiken lassen. Vielleicht sollten die dann betroffen Reisenden sich die (dann ja vorhandene) Zeit nehmen, und dem streikenden Lokführer mal erklären, was seine Gewerkschaft da für ein mieses Spiel mit ihm treibt.

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