Liebeskummer vs. Ausschlafen

„Roman!“

Eine quäkige Mädchenstimme schleicht sich in meinen Traum ein.

„Roooman!“

Ich wache auf, blinzle zur Uhr: 6:45 Uhr, an einem Sonntag. Es gibt nur wenige Dinge, die mich so schnell und so hoch auf die Palme bringen, wie wenn man meinen Sonntagmorgenschlaf stört.

„Rooo_ooman!“

Ich stapfe zum Fenster, spähe durch die Jalousinen. Unten steht ein etwas klein geratenes, leicht dickliches Mädchen, 17 bis 19 Jahre alt, schätze ich. Sehr glücklich sieht sie nicht aus, wie sie da steht und hoch zu Romans Fenstern starrt.

Roman wohnt schräg unter mir, und ist wohl das, was man einen Frauentyp nennt. Ich kann das schlecht beurteilen, aber seit vor zwei Wochen seine bisherige Freundin ausgezogen ist (und die war echt heiß, um es mal ganz direkt auszudrücken)… seit dem hatte ich schon mehrfach das Vergnügen, gut aussehenden jungen Damen hier im Haus zu begegnen. Was immer eine schöne Abwechslung ist, denn ansonsten beträgt das Durchschnittsalter meiner Nachbarn gefühlte 250. Und dem Roman sei es gegönnt.

Nun hat Roman offenbar in der samstäglichen Partynacht mal wieder ein Herz gebrochen, und das Opfer steht nun hier unten auf der Straße und stört meinen Schlaf.

Ich bin mal wieder zu anständig, und reiße nicht das Fenster auf, um mit ihr die unerwünschten Nebenwirkungen ihres Handelns zu diskutieren. Hätte ich es getan, könnte ich es hier aber aus Gründen des Jugendschutzes ohnehin nicht wiedergeben. Außerdem wollt ich niemanden wecken.

Aber anscheinend hat sie mich aber gesehen, und verlegt sich nun die nächste halbe Stunde aufs Pfeifen. Dann fällt ihr irgendwann ein, das man ja auch mal klingeln könnte. Leider höre ich in meiner Wohnung auch Romans Klingel. Und leider ist er entweder tatsächlich nicht da oder schläft wirklich sehr fest. Vielleicht ist er auch nur fest entschlossen, sie einfach nicht reinzulassen.

Jedenfalls macht er nicht auf. Weshalb sie nach einer weiteren halben Stunde auf die glorreiche Idee kommt, doch mal bei mir zu klingeln. „Ja bitte!“ brülle ich meine aufgestaute Wut in die Gegensprechanlage. Das muss gesessen haben, ich sehe sie nur noch schnellen Schrittes die Straße hoch verschwinden.

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Ein paar Stunden später – nach einer heißen Dusche und einem guten Frühstück, inzwischen ist auch die Wut verflogen –  betrete ich den Bahnhof, um zum Sonntagsausflug zu starten. Auf einer Bank in der Bahnhofshalle sitzt jenes Mädchen, auf das ich vor wenigen Stunden noch so wütend war. Sie hockt da, ganz zusammengekauert und mit tränengerötetem Gesicht tippt sie geistesabwesend auf ihrem Handy rum.

Im Vorbeigehen bleibt mein Blick an ihr hängen, aber diesmal drückt er ehrlich empfundenes Mitleid aus. Als sie zu mir hochschaut, zuckt sie zusammen. Mir schaudert, weil sie anscheinend tatsächlich Angst vor mir hat. Wegen zweier, wuterfüllter Worte, sozusagen im Affekt ausgesprochen. Und das macht mir Angst.

„So bin ich doch nicht wirklich, Mädchen.“

Ich denke das nur, überlege kurz, ob ich mich zu ihr setzen soll und sie trösten. Nein, es würde mir ja doch nicht gelingen. Ich gehe wortlos weiter…
 

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