Genieße das Leben in vollen Zügen

Beim Einsteigen war genau noch ein Sitzplatz frei. Genau genommen waren noch jede Menge Sitzplätze frei, aber nur noch einer, bei dem nicht der Sitznachbar erst mal sein Gepäck hätte wegräumen müssen. Also nahm ich dort Platz. Auf dem Nachbarsitz lag auch schon Gepäck, der Besitzer war aber gerade abwesend.

Irgendwann tauchte im Gang ein älterer Herr auf, der sich offenbar auf diesen Nebenplatz setzen wollte, und mich daher aufforderte mein Gepäck dort wegzuräumen. Jedenfalls hatte ich das angenommen, denn jenes Gepäck hätte ich eher einer älteren Dame zugeordnet (aber Geschmäcker sind ja verschieden, auch bei Handtaschen), und wegen der üblichen iPod-Beschallung meinerseits hatte ich seine Worte nicht wirklich verstanden. So erklärte ich, dass dies nicht mein Gepäck wäre und ich es somit leider auch nicht beräumen könne. Er erwiederte, dies sei ihm bewusst, da es sich um sein Gepäck handle. Und so bat ich nun meinerseits um Verbringung dieses ins Gepäcknetz, damit nunmehr wir beide die Reise sitzend fortsetzen könnten.

Nun hatte ich den Gangplatz, um dem Herren die Umsetzung meiner Bitte zu erleichtern – und zur Vermeidung unangemessener Annäherung währenddessen – räumte ich kurz meinen Platz. Was der freundliche ältere Herr dazu nutzte, sich auf  den nun freien (meinen) Platz zu setzen. Mit einem triumphierendem Grinsen verwies er mich in die Sitzreihe gegenüber.

Ein halblaut gefluchtes „ARSCHLOCH!“ konnte ich mir nicht mehr verkneifen. Ich hoffe er hat es noch gehört. Dann bat ich die junge Dame gegenüber, ihren Nebenplatz für mich frei zu machen. Sie war dann auch die charmantere Reisebegleiterin.

P.S.
Meine bessere Hälfte hat gerade eine Trainee-Stelle, bei der neben Fachkompetenz auch gewisse journalistische Fähigkeiten gefragt sind.  Darum war sie die letzten beiden Tage bei einer Schreibwerkstatt, wo eben diese trainiert wurde. Besonders gut kamen ihre Überschriften an. Für diese Geschichte hatte ich darum diesbezüglich um ihren Rat gefragt und sie hatte folgendes vorgeschlagen:

„Gesellschaft am Abgrund – Wenn Freundlichkeit mit Füßen getreten wird“

Ich hielt das für übertrieben.

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