Du sitzt in der Straßenbahn

… neben Dir sitzt ein Kind, eine Kamera sorgt für Sicherheit. Ein paar Tage später ist das Kind tot und das Bild aus der Straßenbahn und Dein Name stehen in allen Zeitungen und daneben steht „Mörder!“. Manchmal, aber nur manchmal, steht davor noch „mutmaßlicher“. Aber das ist egal. Die Öffentlichkeit hat bereits Gericht gehalten, das Urteil ist eindeutig. Vollstrecken musst Du es selbst, darum gehst Du ein letztes mal zur Straßenbahn. Einsteigen wirst Du aber nicht mehr.

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Ich weiß, ich begebe mich hier auf dünnes Eis, es inzwischen immer wahrscheinlicher erscheint, dass der jetzt „gefasste“ (was für ein Hohn, es so zu nennen, wenn man einen schwerverletzten Selbstmörder von den Schienen kratzt) der richtige sein könnte. Ich hätte diese Gedanken schon vor ein paar Tagen schreiben sollen…

Aber ist das oben beschrieben Szenario ebenso wahrscheinlich? Kann es uns jederzeit passieren, dass so ein Verdacht auf uns fällt? Das dann das feine Räderwerk von Überwachung, Boulevard-Presse und populistischen Politikern ihre Urteile fällen und eine Hetzjagd gestartet wird, der man nur auf diese eine Weise entkommen kann?

Und hilft diese Klima der Angst und der gegenseitigen Verdächtigungen, solche Taten zu verhindern?

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Dennoch ist dieser Fall – wie jedes Gewaltverbrechen – in keinster Weise zu rechtfertigen und verabscheungswürdig. Eigentlich schlimm, das man das lieber noch dazuschreibt, um sich nicht Vorwürfen auszusetzten, man relativiere die Tat oder zeige Verständniss oder Mitgefühl mit dem Täter. Hier geht es ausschließlich um die mediale Aufarbeitung, das Versagen der Überwachung, die die Tat auch nicht verhindern konnte. Und um die Sorge, das Unschuldige in Verdacht geraten können.

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Ich hätte mir gewünscht, das ein paar mehr Medien so berichtet hätten, wie die Tageschau:

Wir bleiben bei unserer Linie: Keine Berichterstattung über einzelne Kriminalfälle, wenn sie denn keine gesamtgesellschaftliche Bedeutung haben. Das klingt herzlos, weiß ich. Aber dem Himmel sei dank gehen die Tötungsdelikte mit Kindern seit Jahren zurück. Eine umfangreiche Berichterstattung über einzelne Fälle erweckt dagegen den gegenteiligen Eindruck.

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Ein Kommentar zu “Du sitzt in der Straßenbahn

  1. Ich habe wirklich nicht für eine Minute darüber nachgedacht, dass der Mann nicht der Mörder von Mitja sein könnte. Die Wahrscheinlichkeit ist ob der Wucht der Bilder zwar gering, dass ich es zumindest nicht erwog, macht mich nachdenklich.

    Danke.

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