Eine Stadt geht über Leichen

Guben geht es schlecht. Über 20% Arbeitslose, da darf man nicht wählerisch sein, wenn ein potentieller Investoren daher kommt und ein paar neue Arbeitsplätze verspricht. Auch wenn es sich um den Herrn Gunther von Hagens handelt und die bald Ex-Arbeitslosen an menschlichen Leichen rumschnippeln sollen, bei denen man nicht einmal sicher sein kann, dass der Verstorbene oder deren Angehörige dem wenigstens zugestimmt haben.

Heute wurde also die Todesfabrik mit Vorführraum das erste „Plastinarium“ in Guben eröffnet. Die O-Töne, die mein Frühstücksradio brachte, hatten insgesamt einen „Hauptsache-Arbeitsplätze“-Grundton, wenn nicht gar echte Begeisterung mitschwang. Leute, ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen könnte.

Klar kann man jetzt, so wie dieser Stern-(Hobby?)-Reporter, sagen:

Man sollte dieses Thema nicht allzusehr hochstilisieren, in jeder Universitätsstadt werden in Kliniken Versuche an Leichen durchgeführt (Obdachlose….), nur da halt im Verborgenen.

Es macht schon einen Unterschied, ob man Leichen für Forschung und Lehre präpariert, oder bloß um die Sensationsgeilheit der tumben Massen kommerziell auszuschlachten. Der saubere Herr Prof. (VRC) gibt zwar nur allzu gern den Wissenschaftler und Aufklärer. Aber dafür braucht es keine Leichen, die Poker spielen und auch keine Leichen im Rotlichtviertel. Ich meine auch, für den Laien, der sich aufrichtig für Anatomie interessiert, dürften Modelle ausreichen.

Aber der Wanderzirkuns der Perversität, den ich hier ganz bestimmt nicht verlinken, wäre nie so erfolgreich geworden, wenn nicht „echte“ Leichen ausgestellt werden. Wer dort hingeht, hat entweder nicht darüber nachgedacht, was er da eigentlich tut – was auch nicht sehr schmeichelhaft ist – oder sollte sich ganz dringend in Therapie begeben. Das Verlangen, die mumifiziereten Körper Verstorbener in allen möglichen Posen zu betrachten – das ist doch pervers.

Herrn v.H. ist das scheinbar reichlich egal, Hauptsache die Kasse stimmt. Und nun sucht er sich eine kleine Stadt, der es dreckig genug geht, dass die Verantwortlichen jeden, aber auch jeden Strohhalm greifen (müssen?), der ein paar Arbeitsplätze verspricht. In dem sie das tun, fügen sie ihrer Stadt ein weiteres Stigma hinzu. Aus Wilhelm-Pieck-Stadt wird Leichenschänder-Stadt Guben.

Wenigstens scheint die Stadt nicht ganz so uneingeschränkt hinter diesem Treiben zu stehen, wie es die heutige Radiomeldung suggeriert hat. Und bei der Diskussion fallen durchaus herrlich doppeldeutige Statements:

Der evangelische Pfarrer Domke […] ist zwar diplomatischer, schlägt aber in die gleiche Kerbe:

„Diesem Unternehmen kann man nicht den kleinen Finger geben, es nimmt – mindestens – die ganze Hand.“

Soviel dazu. Weil ich nun zu diesem Thema ausnahmsweise eine ziemlich feste Meinung habe, hier ein kleiner Aufruf:

Liebe Gubener, werft die Leichenschänder aus Eurer Stadt! Auch wenn es Eurer Stadt wirtschaftlich nicht gut geht. Es wird nicht dadurch besser, dass Ihr Moral, Anstand und Ethik verhökert!

Und btw., nicht nur ich habe mich gefragt:

Waren diejenigen, die nun so moralisch bestürzt über die Totenkopfphotos aus Afghanistan sind, dieselben, die damals in die Körperweltenshow von Hagens gewandert sind?

Gute Frage.

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